Chinesische Medizin und Demenz (Parkinson, Alzheimer, MS)

Am 24. Juni 2021 behandelte Andrea Mercedes Riegel in der Reihe „Chinesische Medizin“ in unserer in Kooperation mit der Akademie für Ältere stattfindenden Vortragsreihe “Chinesische Medizin” zum vorläufigen Abschluss dieser Vortragsreihe in diesem Jahr das Thema “Chinesische Medizin und Demenz“.

Unter Federführung der Akademie für Ältere Heidelberg und in Zusammenarbeit mit weiteren Partnern und Unterstützern aus Stadt und Kirche wird derzeit eine „Lokale Allianz für Menschen mit Demenz“ in Heidelberg und Umgebung aufgebaut und zahlreiche Veranstaltungen von der Akademie für Ältere zum Thema angeboten. Daher und um die neuere Forschung hierzu in China vorstellen zu können, haben wir dies zum Anlass genommen, den letzten Vortrag in unserer Reihe “Chinesische Medizin”  ebenfalls dem Thema “Demenz” zu widmen.

Die Demenz stellt eines der größten gesundheitlichen Probleme in der Welt dar. In Deutschland leben rund 1,6 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung, weltweit sind ca. 50 Millionen betroffen – Tendenz steigend. Demenz, sinngemäß „Ohne Geist“, definiert sich durch einen Abbau geistiger Fähigkeiten. Der Abbau geistiger Fähigkeiten, das zunehmende Vergessen (ganzer Vorgänge und Handlungen) führen letztlich dazu, dass der Patient allmählich seine Alltagskompetenz verliert. In der weiteren Entwicklung der Erkrankung treten neben Sprachprobleme, Veränderungen im psychischen Bereich sowie Persönlichkeitsveränderungen auf. Es kommt zu Störungen in folgenden Bereichen: Gedächtnis/Erinnerung, Denken, Sprache, Verhalten/Persönlichkeit und Orientierung.

Die Demenz ist auch Teil anderer systemischer Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Diabetes. In China ist die Behandlung der Demenz über die chinesische Medizin erst seit einigen Jahren in der Diskussion, die bisherigen Erfolge sind bereits erfolgversprechend. Es wurden verschiedene Demenz-Arten aus Sicht der chinesischen Medizin beleuchtet und die Chancen für Verbesserungen betrachtet. Da meist mehrere Symptome mit der Demenz einhergehen, wird allgemein vom „dementiellen Syndrom“ gesprochen. Es ist meist die Folge einer chronischen Erkrankung des Gehirns mit einer Störung der höheren kortikalen Funktionen. Die Pathomechanismen der Demenz sind weitgehend unbekannt, eine ätiopathogenetische Rolle spielen generell Nervenentzündungen, Schädigungen cholinerger Übertragungswege oder Intoxikationen sowie genetische Mechanismen. Das Risiko, an Demenz zu erkranken, steigt natürlich mit dem Lebensalter. Weitere Risikofaktoren sind weibliches Geschlecht, bestimmte Grunderkrankungen wie Morbus Parkinson oder Diabetes oder Bluthochdruck.

Die Demenz umfasst mehrere Unterarten. Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Demenz, daneben die Alters- und die vaskuläre Demenz und die frontotemporale Demenz, denen jeweils unterschiedliche Ursachen zugrunde liegen.

Die normale (Alters) -demenz zeigt Symptome wie Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen, beeinträchtigtes Denkvermögen, Probleme mit Alltagsbeschäftigung, Stimmungsschwankungen und Persönlichkeitsveränderungen. Zusätzlich können auftreten: Schlafstörungen, Probleme mit dem Tag-Nacht-Rhythmus, Essstörungen, später Inkontinenz und Ruhelosigkeit, das sog. „Wandering“. Bei der vaskulären Demenz sind die Symptome abhängig von dem von der Blutunterversorgung betroffenen Areal, und sie zeigt sich vornehmlich in einer Verlangsamung der Sprache, in Konzentrationsstörungen und Stimmungsschwankungen. Ursache sind hier meist Durchblutungsstörungen, hervorgerufen durch Arterienverkalkung der Hirngefäße, Hirnblutungen, Hirninfarkt (verstopfte Gefäße im Gehirn) oder Bluthochdruck. Auch Gluten als Verursacher chronischer degenerativer Entzündungen im Gehirn kann eine gewisse ätiologische Rolle bei der vaskulären Demenz spielen.

Eine besondere Form der Demenz ist die Alzheimer-Demenz. Sie ist gekennzeichnet durch einen fortschreitenden Prozess, ausgehend von einem zunächst schleichenden Beginn. Der schleichende Beginn ist gekennzeichnet durch Gedächtnisstörungen. Im weiteren Verlauf kommt es zum kontinuierlichen Abbau von Exekutivfunktionen, Aufmerksamkeit, räumlichen Fähigkeiten und psychomotorischer Geschwindigkeit. Begleitet wird die Alzheimer-Demenz von Depression, Apathie, Reizbarkeit, Aggression, Verwirrtheit und Gangstörungen. Als ätiologisch relevant werden hier  kleinste Veränderungen im Gehirn diskutiert, die sich als Plaques und Fibrillen zeigen. Diese Plaques bestehen aus dem Eiweiß beta-Amyloid und Tau-Protein. Auch die Fibrillen sind Eiweißstrukturen, die sich innerhalb der Nervenzellen fadenartig zusammenlegen. Es zeichnet sich zudem ein signifikanter Rückgang der Hirnmasse im Bereich des Hippocampus ab. Als Risikofaktoren für Alzheimer gelten Schwermetalle und Gifte wie Lösemittel oder Holzschutzmittel sowie Aluminium im Gehirn.

Die Standardtherapie in der Schulmedizin arbeitet u.a. mit verschiedenen Naturpräparaten wie z.B. Gingko zur Aktivierung der Blutzirkulation im Gehirn. Für die Alzheimerkrankheit werden vornehmlich Acetylcholinesterase-Hemmer eingesetzt (Donepezil, Rivastigmine), im fortgeschrittenen Stadium meist als Palliativum. Zusätzlich werden Medikamente für spezielle Symptome oder eventuelle Grunderkrankungen (Depression, Bluthochdruck, etc.) verabreicht. Daraus kann sich ein Medikamentencocktail ergeben, der wieder die Entgiftungsfunktionen von Leber und Niere überfordert, was sich dann rückwirkend wieder negativ auf die Hirnleistung auswirkt.

In der chinesischen Kulturgeschichte war der allmähliche Verlust des Denkvermögens kein eigenständiges Thema von medizinischem Interesse. Dementsprechend finden sich in der klassischen Literatur nur wenige Erwähnungen zur Demenz, die erste in der Geheimen Biographie des Hua Tuo aus dem dritten Jahrhundert. Erst in der Mingzeit findet sich im Jingyue quanshu des Zhang Jiebin ein Kapitel über Symptome des Verlustes der klaren geistigen Wegsteuerung und die Beschreibung von deren Ätiologie und Therapie. Die wichtigste Standardrezeptur, die Zhang zu diesem Thema entwickelte, das Qi Fu Yin 七福饮, ist heute Gegentand weitgehender Studien in China. (s.u.)

Aus chinesischer Sicht hängen Gehirn und Gehirnleistung von der Ernährung durch die Niere bzw. die Nieren-Essenz ab. Die Grundlage für die geregelte Hirnleistung und „klares Bewusstsein“ (shen) bildet also die Versorgung mit Essenz, die durch das Nieren-Qi in das Gehirn transportiert oder für die Bildung von Herz-Blut bereitgestellt werden muss, damit das Herz als Speicher des shen in die Lage versetzt wird, seiner Aufgabe nachzukommen. Die Niere wiederum wird von der Milz versorgt, ihr Essenz-Depot wird angereichert durch Essenz, die durch die Milz gefiltert wird. Erschöpfung von beiden, Niere und Milz, sind Risikofaktoren für das Entstehen einer Demenz. Das klare Bewusstsein hängt weiter von Qi ab. Mangel an Qi oder Stagnation in den Gefäßen von Qi und Blut bedeutet schwache Gedächtnisleistung und Mangel an geistigem Antrieb und sind auch Risikofaktoren für das Entstehen von „Schleim“. Durchblutungsstörungen der vaskulären Demenz wie die Bildung von Plaques bei der Alzheimer-Demenz gehören in den Bereich des Pathogens „Schleim“. Als wichtigste präventive Maßnahme gegen die Manifestation einer Demenz ergibt sich demnach die Ernährung. Zu den Prinzipien der adäquaten Ernährung zählt Ernährung mit warmen nährenden Lebensmitteln, daneben der Verzicht auf Kuhmilch und Gluten als „Schleimbildner“. Als zweiter Faktor für die Prävention ergibt sich die Aktivierung der Blutzirkulation durch Bewegung an frischer Luft als Quelle für Qi.

Die bei der Alzheimer-Demenz als Begleitsymptome auftretenden Depressionen, Aggression und Reizbarkeit sprechen zum einen für eine Mitbeteiligung der Leber, Leber-Qi-Stagnation oder hochschlagendes Leber-Yang. Zum anderen können diese Symptome auch zur „Schleim-Hitze im Herzen“ gerechnet werden. Da das Herz das Bewusstsein (shen神) speichert, muss innerhalb der Therapie jeder Art von Demenz auch das Herz angesprochen und gestärkt werden, insbesondere das Herz-Blut. Die generellen Verlangsamungen sprechen für Stagnationen oder Mangel and Qi, die Unruhe für einen Mangel an Yin.

Die Gewichtung sieht bei den unterschiedlichen Formen der Demenz prinzipiell etwas unterschiedlich aus: Für alle Arten der Demenz ist zunächst die Aktivierung der Blut- und Qi-Zirkulation essentiell. Bei der Altersdemenz steht das Nähren der Nieren-Essenz sowie die Stärkung des Nieren-Qi im Vordergrund, daneben das Nähren von Milz und Herz. Bei der Alzheimer-Demenz liegt hingegen der Fokus auf dem Thema „Schleim“.

Die unbefriedigenden Ergebnisse der Therapien der Schulmedizin im Bereich der Demenz haben viele Forscher in Asien in jüngerer Zeit dazu veranlasst, bei der Therapie der Demenz verstärkt auf den Einsatz von chinesischen Phytotherapeutika zu setzen und auch randomisierte Studien zum Thema Demenz in der chinesischen Medizin auf den Weg zu bringen. Die Untersuchungen beziehen sich sowohl auf Einzeldrogen als auch auf Standardrezepturen, insbesondere das Qi fu Yin 七福饮von Zhang Jiebin. Er wählte die Zusammensetzung zur „Stärkung des Nieren-Wassers und des Yin gegen aufloderndes Feuer“. Das Qi fu Yin besteht aus sieben Ingredienzien, nämlich Panax Ginseng (renshen), Rehmanniae glutinosae Rad. viride (shengdi huang), Angelicae sinensis Rad. (danggui), Glycyrrhizae Rad. (gancao), Atractylodis macro. Rhiz. (baizhu), Polygala Rad. (yuanzhi) und Ziziphi spinosae Semen (suanzaoren). Sie erfüllen die oben genannten Kriterien, nämlich das Qi zu stärken, Yin zu nähren, die Blutzirkulation zu aktivieren, Schleim zu wandeln und das Herz zu stärken. Eine Studie mit 697 Patienten zeigte eine klare Verbesserung der Lernkapazität und des Gedächtnisses bei Alzheimer und vaskulärer Demenz. Außerdem gibt es einen gewissen synergistischen Effekt mit Präparaten aus der Schulmedizin. Das Qi Fu Yin hat zudem einen neuroprotektiven Effekt, wertvoll als Prävention. Als Beispiel für eine Einzeldroge, die als Antidemenz-Mittel auf dem Prüfstand steht, sei die Gastrodiae Rhizoma (tianma天麻) genannt. Sie wird bereits seit langem für die Therapie von Schwindel, Lähmungen, Epilepsie und Hypertonie eingesetzt. In verschiedenen Studien hat sie sich als neuroprotektiv und mobilisierend auf das cerebrocardiovaskuläre System erwiesen. Ihr Einsatzgebiet erstreckt sich heute auch auf vaskuläre und die Alzheimer-Demenz.

Fazit

Die chinesische Phytotherapie scheint eine sinnvolle Ergänzung zur schulmedizinischen Medikation innerhalb der Demenzbehandlung zu sein. Es gibt vielversprechende Ansätze für die Anwendung chinesischer Kräuter in der Demenz-Therapie. Allerdings bedarf es weiterer Studien zu Einzeldrogen oder experimentellen Drogenrezepturen, um definitive Aussagen zur Wirksamkeit der Drogen machen zu können. Insbesondere von Interesse ist die Frage, inwieweit eine Typenunterscheidung, etwa nach Stadien, die Effektivität erhöht oder eine Kombination mit Akupunktur sinnvoll ist. Eine weitere Option könnte die Integration der Ohrakupunktur, speziell der Implantat-Akupunktur, sein, bei der über die Ohrmuschel ein direkter Zugang zum zentralen Nervensystem erreicht wird und Implantate einen Dauerreiz auslösen.

Der alternative Weg über die chinesische Medizin scheint insofern interessant, als über eine Reduzierung der nebenwirkungsreichen Pharmaka eine Entlastung der Organe Niere und Leber als Ausscheidungsorgane erzielt und eine Unterstützung der Organfunktionen zur verbesserten Entgiftung erzielt werden kann.

 

Literaturempfehlungen:

Zhang Jiebin (1996). Jingyue quanshu. Shanghai: Shanghai kexue jishu chubanshe

Lei Wang et. al (2021), „Is Qi Fu Yin effective in clinical treatment of dementia? A meta-analysis of 697 patients”, Medicine Journal. 100.5: 1-11

Yong Wang (2020), “ Gastrodia elata Blume (Tianma): Hope for Brain Aging and Dementia, Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine, vol. 2020, ID 8870148

(Angaben basieren auf dem Vortrag sowie dem Vortragsmanuskript von Andrea-Mercedes Riegel)

 

Die Veranstaltung fand online als Teams-Livestream statt.

Andrea Mercedes Riegel schloss an ein Sprachenstudium ein Studium der Sinologie, Germanistik und Medizingeschichte an. Sie spezialisierte sich auf klassische chinesische Medizin, studierte 1989-1991 chinesische Medizin an einer privaten Fachschule in Taiwan. Auf die Promotion 1999 in Sinologie folgte 2010 die zweite in theoretischer Medizin. Sie arbeitet als Heilpraktikerin seit 1999 in eigener Praxis Praxis für klassische chinesische Medizin in Oftersheim bei Heidelberg und gibt regelmäßig im Rahmen ihrer Vorträge exklusive Einblicke in die chinesische Naturheilkunde. Fachpublikationen, Übersetzungen klassischer medizinischer Texte aus dem Chinesischen in europäische Sprachen sowie Lehrtätigkeit sind weitere Betätigungsfelder.

 

Hier finden Sie die Präsentationsfolien des Vortrags:

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ChinaCool: Chinesische Schlagworte im Internet

Wir haben uns sehr gefreut, am 10. Juni 2021 Zhu Shu als Referentin für ChinaCool begrüßen zu dürfen! In ihrem Vortrag stellte sie uns insgesamt zehn Ausdrücke der chinesischen Internetsprache vor. Hier sind nochmal die Ausdrücke mit einer kurzen Erklärung, für alle, die den Vortrag verpasst haben:

佛系 “Buddha-Stil”: Der “Buddha-Stil” beschreibt eine Lebenseinstellung frei von Bedürfnissen. Man vermeidet Streit, hofft auf ein harmonisches Leben und ergibt sich einfach seinem Schicksal. Mit dem Ausdruck ist auch eine gewisse Selbstironie verbunden: Da die Jugend ihre Ziele nicht erreichen kann, reduzieren sie einfach ihre Erwartungen.

巨婴 “Riesenbaby”: Erwachsene, die sich wie Babys verhalten. Sie sind egoistisch und haben kein Regelbewusstsein.

杠精 “Troll”: Bei diesem Ausdruck wird 杠 als “argumentieren” und 精 als “Elf” verstanden. Er beschreibt Personen, denen es nur ums Argumentieren geht, nicht um Recht/Unrecht oder Wahrheit. In der deutschen und englischen Internetsprache werden solche Personen “Troll” genannt.

996工作制 “Das 996-System”: Arbeiten von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, sechs Tage die Woche. Dieser Ausdruck wird häufig mit der Arbeit in High-Tech- oder Internetunternehmen in Verbindung gebracht.

我太难/南了”Es fällt mir zu schwer”: Der Ausdruck stammt aus einem Video des Portals Kuaishou 快手 und drückt ein Verlangen aus, Druck abbauen zu wollen. “Süden” und “schwer” sind im Chinesischen Homophone, deshalb werden spaßeshalber oft Bilder des “Südwind” im Mahjong genommen, um diesen Ausdruck bildlich darzustellen – “Es fällt mir südlich” sozusagen.

我不要你觉得,我要我觉得 “Was du denkst ist mir nicht wichtig, mich kümmert nur das, was ich denke”: Ursprünglich stammt der Ausdruck von Huang Xiaoming 黄晓明, einem Guest-Host der chinesischen Reality-Sendung “Chinese Restaurant”. In der Sendung war er als egozentrischer Chef bekannt, der sich nicht um die Meinungen anderer kümmerte. Der Ausdruck spiegelt nun den Widerwillen gegen solche herrschsüchtigen Personen wider.

上头 “Zu Kopf steigen”: Der Ausdruck stammt ursprünglich aus dem Videospiel Dota. Man kann mit ihm Impulsivität, Überraschung, Aufregung und andere Gefühle dieser Art ausdrücken.

柠檬精 “Zitronenelfen”: Dieser Ausdruck beschreibt neidische Menschen, der saure Geschmack einer Zitrone soll hier das saure Gefühl im Herzen, welches durch Eifersucht hervorgerufen wird, darstellen. Im Deutschen ist das vergleichbar mit “grün oder gelb vor Neid sein”. In letzter Zeit ist die negative Konnotation des Ausdrucks schwächer geworden und er kann auch selbstironisch verwendet werden.

内卷 “Rückbildung/Involution”: Dieser Begriff stammt ursprünglich aus der Soziologie und beschreibt dort eine Rückentwicklung oder einen Verfall im sozialen oder gesellschaftlichen System. In der Internetsprache wird der Begriff verwendet um starke Konkurrenz oder irrationalen Wettbewerb auszudrücken.

打工人 “Arbeiter”: Eigentlich wurde dieser Ausdruck für befristete, oft körperliche Arbeit verwendet. Heutzutage ist der Anwendungsbereich erweitert. So kann man sich beispielsweise auch als 打工人 bezeichnen, wenn man in einem Büro arbeitet.

Chinesische Medizin und Kopfschmerzen (Migräne)

Am 20. Mai 2021 ging es im Vortrag von Andrea Mercedes Riegel in der Reihe „Chinesische Medizin“, die in Kooperation mit der Akademie für Ältere stattfand über das Thema „Chinesische Medizin und Kopfschmerzen“.

Von Migräne sind rund 10% der Bevölkerung betroffen- Tendenz steigend. Migräne ist eng mit der modernen Lebensweise und veränderten Umweltbedingungen verbunden wie Stress, Fehlernährung, Schichtarbeit (gestörter Biorhythmus), Schlafmangel oder empfindliche Reaktionen auf Wetterkapriolen sowie Umweltgifte. Hinzu kommt die genetische Disposition. Der Migräneanfall kündigt sich häufig mit Symptomen wie Müdigkeit, Geräuschempfindlichkeit, Magen-Darm-Störungen oder Heißhunger auf bestimmte Lebensmittel an. Nur in 15-20% der Fälle folgt eine Auraphase z. B. mit Blickfeldveränderungen oder wanderndem Kribbeln durch verschiedene Finger. Die eigentliche Kopfschmerzphase zeigt sich in meist halbseitigen Kopfschmerzen in den Bereichen Stirn, Schläfe und Auge, meist mit pulsierend pochendem oder stark zusammenziehendem Schmerz. Typische Begleitsymptome sind Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit.

In der Schulmedizin geht man von der Freisetzung entzündungsvermittelnder Botenstoffe, der Hypererregbarkeit von Hirnrinde und Okzipitallappen oder auch der Erweiterung kranialer Blutgefäße beim Migräneanfall aus. Behandelt wird meist mit Triptanen.

Bereits in den 1990er Jahren wurde alternativ zu rein schmerzlindernden Medikamenten Akupunktur eingesetzt. Studien zeigten, dass durch die Anwendung von Akupunktur bei Migräne statistisch gesehen die Anfallshäufigkeit und Heftigkeit deutlich reduziert werden können. In China liegt das Hauptgewicht generell meist auf der Kräutertherapie, insbesondere bei chronischen und inneren Störungen. Daher kommt es häufig zu einer Kombination aus Akupunktur und Kräutertherapie. Migräne (pian toutong 偏头痛) ist wie jede Art von Schmerz zunächst generell mit Disharmonien verknüpft: Disharmonien im Fluss von Qi und Blut, Disharmonien im Zusammenspiel der inneren Organe oder im Qi-Fluss in den Leitbahnen.

Grundtypen der Migräne

Die Grundtypen der Migräne lassen sich in Fülle- und Leeretypen unterscheiden: Leere: Qi- und Blutleere; Nierenleere Milz-Qi-Leere mit Schleimstagnation

Fülle: Qi- und Blutstase; Leber-Qi-Stagnation (→ evtl. mit Schleimbildung); Hochschlagendes Leber-Yang

Für die Behandlung wichtig ist zum einen die Feststellung des Typus, weiter die Feststellung des Manifestationsortes der Migräne sowie die Kenntnis eventueller pathogener Faktoren (s.o.)

Manifestationsorte für die Migräne sind vornehmlich die Leitbahnen: Shaoyang , Taiyang (Blase und Dünndarm), Yangming (Magen-Dickdarm).

Der Therapeut (Therapeutin) unterscheidet zwischen verschiedenen Schmerzqualitäten wie z. B. dumpfer, drückender Schmerz, stechender, die Seiten wechsender Schmerz und mithilfe der genauen Schmerzlokalisation kommt er/ sie zur Einordnung der jeweiligen Migräne aufgrund der die entsprechende Therapieform angewendet wird. Es gibt ein ganzes Bündel an Kräutern, das zum Einsatz kommen kann, je nach Migräneart, wie Paeoniae albae Radix, Moudan cortex, Salviae miltiorrhizae Radix, Achyranthis bidentatae Radix, Lycii Fructus, Ziziphi spinosae Semen, Concha ostrae, Chrysanthemi Flos um nur einige zu nennen.

Beispielsweise weisen ein starker dumpfer Druck im gesamten Kopf oder auf einer Seite, Schweregefühl des Kopfes und das Gefühl, in einem Schraubstock gefangen zu sein mit Begleitsymptomen wie Völle, Übelkeit, Erbrechen, Schwindelgefühl, innere Unruhe auf eine Ursache der Milz-Qi-Leere hin: Fehlernährung, Übergriff von Holz (Leber/Galle) auf die Milz oder Kälte in der Niere und dadurch verminderte Milz-Funktion. Hier kann die Phytotherapie besonders gut regulierend eingreifen.

Als Unterstützung für alle Typen haben sich Dauernadeln oder Akupunkturimplantate bewährt. Unterstützend empfiehlt sich der Verzicht auf „Schleimbildner“ (z.B. Milch, Bananen, Weizenmehl, Briekäse, Wurst) und thermisch kalte Lebensmittel.

Fazit

Es hat sich in der klinischen Praxis bereits mehrfach gezeigt, dass eine kombinierte Behandlung der Migräne über Akupunktur und Kräutertherapie mit dem Hauptgewicht auf die Kräuter eine gute Option ist und durchaus ein Mittel, die Migräne tatsächlich nicht nur zu lindern, sondern auch auszuheilen.

Andrea Mercedes Riegel schloss an ein Sprachenstudium ein Studium der Sinologie, Germanistik und Medizingeschichte an. Sie spezialisierte sich auf klassische chinesische Medizin, studierte 1989-1991 chinesische Medizin an einer privaten Fachschule in Taiwan. Auf die Promotion 1999 in Sinologie folgte 2010 die zweite in theoretischer Medizin. Sie arbeitet seit 1999 in eigener Praxis, Fachpublikationen, Übersetzungen klassischer medizinischer Texte aus dem Chinesischen in europäische Sprachen sowie Lehrtätigkeit sind weitere Betätigungsfelder.

(Angaben basieren auf dem Vortrag sowie dem Vortragsmanuskript von Andrea-Mercedes Riegel)

Hier finden Sie die Präsentationsfolien des Vortrags: 20210520_CM und Kopfschmerzen

 

ChinaCool: Schulleben in China

Wir haben uns sehr gefreut, dass wir am 12. Mai Anna Hersener als Referentin bei ChinaCool-Online begrüßen konnten! Anna Hersener hat an der Universität Heidelberg Rechtswissenschaft studiert und gerade mit dem Referendariat am Landgericht Mosbach begonnen. Seit der sechsten Klasse lernt sie schon Chinesisch und hat 2012/13 ein Auslandsjahr in Shenzhen, China verbracht, bei einer chinesischen Gastfamilie gewohnt und ist dort zur Schule gegangen. Dieser Austausch war das Thema ihres Vortrags.

Nach einer kurzen Einführung in das chinesische Schulsystem im Allgemeinen berichtete Anna zuerst von ihrem Schulalltag in China. In Shenzhen hat sie die zehnte Klasse der Shenzhen Middle School besucht, die beste Schule der Stadt. An der Schule gibt es zwei Systeme mit jeweils unterschiedlichen Abschlüssen für die Schüler. Zum einen kann man dort auf die chinesische Schulabschlussprüfung (高考 gaokao) hinarbeiten. Zum anderen gab es einen internationalen Teil mit dem Ziel, am Ende die amerikanische Hochschulzulassungsprüfungen, die SATs, zu bestehen.

Anna besuchte den chinesischen Teil, was anfangs natürlich schwieriger war, sich aber als sehr förderlich für ihre Chinesischkenntnisse herausgestellt hat. Ein Schultag begann um 7.30 mit einer halben Stunde vorlesen. Danach hatte sie bis zur Mittagspause um 12.00 Uhr Unterricht. Um 14.00 Uhr ging es dann mit drei Stunden Unterricht weiter. Danach war Annas Schultag auch schon vorbei. Ihre chinesischen Mitschüler hatten allerdings dann allerdings erst noch eine Pause bis es von 19.00 – 21.30 Uhr hieß: Selbststudium.

Annas Verhältnis zu ihren Mitschülern war sehr gut. Als einzige Austauschschülerin und als einziges blondes Mädchen auf dem Campus war sie schon eine kleine Attraktion. Viele gingen interessiert auf sie zu, einige sahen dies auch als gute Gelegenheit, ihr Englisch an Anna auszuprobieren. Auf der anderen Seite gab es auch einige, die etwas neidisch waren. Als Austauschschülerin war Anna nicht dem Leistungsdruck ausgesetzt, mit dem sich ihre Mitschüler konfrontiert sahen.

Der Unterricht war vor allem anfangs für Anna sehr schwierig, vor allem wegen der Sprachbarriere. Das erste Halbjahr hat sie deshalb vor allem genutzt, um möglichst viel Chinesisch zu lernen, damit sie im Unterricht gut mitkommt. Ihre Lehrer haben auch Rücksicht auf sie genommen und versucht, sie so gut es geht einzubinden. Ein Lichtblick in Annas Schulalltag war der Englischunterricht, da sie hier sehr gut mitkam und den Lehrer teilweise sogar unterstützen konnte. Ihre Schule bot auch eine Deutsch-AG an, bei der sie auch teilweise mitmachte.

Alles in allem war ihr Austauschjahr in Shenzhen eine tolle Erfahrung für Anna. Sie hat dort nicht nur ihre Chinesischkenntnisse verbessern und eine fremde Kultur aus der Nähe kennenlernen können, sondern auch ein “zweites Zuhause” gefunden. Sie freut sich über jede Gelegenheit, die sie wieder nach China bringt und war seitdem auch öfter wieder dort. Auch zu ihrer alten Gastfamilie hat sie noch regelmäßig Kontakt.

Chinesische Medizin und Rheuma

Am 29.04.2021 ging es in der Vortragsreihe zur chinesischen Medizin des Konfuzius-Instituts Heidelberg in Kooperation mit der Akademie für Ältere Heidelberg um das Thema „Chinesische Medizin und Rheuma“. Nach einer Einführung von Heidi Marweg, Programmleiterin am Konfuzius-Institut Heidelberg, ging die Heilpraktikerin und Expertin für chinesische Medizin Dr. Andrea Mercedes Riegel ausführlich auf die Grenzen und Chancen bei der Behandlung von Rheuma sowie seine Disharmoniemuster ein.

Sie führte aus, dass Rheuma eine chronische Erkrankung sei. Insbesondere das entzündliche Rheuma bereite Patienten wie Ärzten Probleme, da es nicht heilbar ist. Zunächst stellte sie grundlegende Züge der westlichen Medizin dar und erläuterte den rheumatischen Formenkreis, der viele verschiedene Krankheitsbilder umfasse, denen „Zustände, die mit schubweise auftretenden Schmerzen und Funktionseinschränkungen am Bewegungsapparat einhergehen“ gemein seien. Typische Rheumabeschwerden: Schmerzen, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, erhöhte Körpertemperatur, Spannungsgefühl, morgendliche Steifigkeit der Gelenke, Entzündungen der Muskeln oder Sehnen sowie der Gelenke und Schwellungen. In der westlichen Medizin unterscheide man vier große Gruppen:

► entzündlich-rheumatische Erkrankung

► degenerative Gelenk- und Wirbelsäulen-Erkrankungen

► Weichteilrheumatismus

► Stoffwechselerkrankungen mit rheumatischen Beschwerden

Unter den entzündlichen Formen am häufigsten und bekanntesten ist die chronische Polyarthritis neben der Spondylarthritis Morbus Bechterew. Die standardisierte Rheuma-Therapie in der Schulmedizin legt das Hauptgewicht insbesondere auf Schmerzlinderung und Hemmung der entzündlichen Prozesse mit cortisonfreien Entzündungshemmern, steroiden Medikamenten, physikalischer Therapie (Massagen, KG, Wärme, Kälte), psychologischen Maßnahmen sowie spezieller Diätetik. Die westliche Naturheilkunde hält schmerzlindernde und entzündungshemmende Heilpflanzen wie Teufelskralle, Arnika, Cayennepfeffer und Weihrauch bereit, daneben Brennnessel als „Blutreiniger“. In der Homöopathie findet z.B. Rhus toxicodendron, Teufelskralle und Arnika Anwendung.

Die chinesische Medizin nennt Rheuma Wind-Feuchtigkeitskrankheit (fengshi bing 风湿病); dies aufgrund der Beobachtung, dass sich die Beschwerden des Rheumapatienten insbesondere bei feuchter Witterung und bei Wind verschlechtern, Sturm und Regen die widrigsten Bedingungen für den Rheumapatienten sind. Sie unterscheidet zwei Grundtypen, den Hitze- und den Kältetyp. Merkmale beim Kälterheuma sind: Arthrosen, Kältegefühl, Schwellungen ohne Überwärmung, Bewegungseinschränkung, Schmerzen bei Bewegung, blasse Zunge, langsamer Puls. Wärme bessert.

Merkmale des Hitzerheumas sind: Arthritiden, Schwellungen, Überwärmung, Rötungen, Fieber, Schmerzen auch in Ruhe, rote Zunge (evtl. gelb belegt), rascher Puls. Kälte bessert.

Das allgemeine Therapieprinzip lautet: Aktivieren der Blut- und Qi-Zirkulation, Befreien der Leitbahnen und Netzgefäße, Stärken des Wei-Qi, Stärken von Qi und Blut, Ausleiten von Wind und Feuchtigkeit. Der Kältetyp kann sich zum Hitzetyp verändern und umgekehrt. Es gilt in der Therapie immer, die Veränderungen der Symptomatik zu berücksichtigen und die Therapie darauf einzustellen. In der Rheumatherapie sind auch stets Leber und Niere zu stärken. Grundsätzlich können in der Rheumatherapie alle therapeutischen Maßnahmen der chinesischen Medizin zum Einsatz kommen, darunter zahlreiche Heilpflanzen, die Wind ausleitend sind und die Leitbahnen frei machen sowie den Blut- und Qi-Fluss anregen, daneben die Akupunktur.

Einige Heilpflanzen darunter besitzen gleichzeitig eine stärkende Wirkung auf Leber und Niere wie vor allem der Maulbeerzweig (sangzhi 桑枝), der Zweig der Maulbeermistel (sangjisheng 桑寄生), die speziell auf die Blasenleitbahn wirkende Wurzel der Clematis (weilingxian 威灵仙), die Wurzel der Angelica pubescentis (duhuo 独活), die feuchtigkeitsausleitende und abschwellende Wirkung besitzt. Für die Rheumaforschung interessant ist aktuell die Dreiflügelfrucht Tripterygium wilfordii (leigongteng 雷公藤). Daneben werden in der chinesischen Kräutertherapie für die Rheumabehandlung auch Produkte aus wirbellosen Tieren verwendet, wie etwa der Regenwurm (dilong 地龙) oder der Blutegel (shuizhi 水蛭). In der Akupunktur kommen u.a. zum Einsatz die Zustimmungspunkte für Leber und Niere und Punkte mit Wind ausleitender Wirkung.

Der Fragenkatalog zur Diagnostik bezieht speziell auch die Frage nach der genauen Lokalisation der Schmerzen ein, um die betroffenen Leitbahnen auszumachen. Weiter spielt die Lokalisierbarkeit der Schmerzen eine entscheidende Rolle; wandernde, nicht genau lokalisierbare Schmerzen deuten auf den pathogenen Faktor Wind hin. Je deutlicher dieser Faktor in den Vordergrund tritt, desto mehr muss die Akupunktur- oder Kräutertherapie darauf abgestimmt werden. Schmerz entsteht durch Blockaden im Fluss von Qi und Blut, Disharmonie im Zusammenspiel der Innenorgane, Disharmonie von Yin und Yang. Die Symptomatik des Rheumas ergibt sich durch Obstruktion der Leitbahnen und Netzgefäße durch Eindringen von Wind, Kälte, Nässe bei schwacher Abwehrenergie. Es wird damit ein gewisses immunologisches Defizit als ursächlich anerkannt. Diesem Defizit bemächtigen sich pathogene Faktoren als Krankheitsauslöser. Prinzipiell kommen aus chinesisch-medizinischer Sicht Vertreter aller Typen pathologischer Faktoren als Auslöser in Frage: Exogene Faktoren (Klima), Witterungseinflüsse Kälte, Wind, Nässe, Feuchtigkeit; Endogene Faktoren (Psyche), Hitze (Stress); Heterogene Faktoren (Lebensstil) Fehlernährung, Nahrungsmittel(Allergien), Biorhythmus

Als Fazit bleibt: Die chinesische Medizin ist eine sinnvolle Ergänzung zur Schulmedizin in der Rheumatherapie. Ihr Vorteil liegt in der Fähigkeit, die Aktivität der Antikörper zu reduzieren und eine Verbesserung der immunologischen Situation herzustellen. Eine deutliche Schmerzlinderung bringt letztlich eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität. Daneben hat die Praxis bestätigt, dass neben Gelenkschmerzen auch die Gelenkbeweglichkeit verbessert werden kann, Gelenkdeformationen und Schwellungen eingedämmt werden können, insbesondere bei regelmäßigem Durchführen der Qigong-Übungen. Einziger Wermutstropfen bleibt die Tatsache, dass eine Heilung nicht möglich ist, der Patient kurmäßig immer wieder Akupunktur und Kräutermedizin in Anspruch nehmen muss.

Andrea Mercedes Riegel schloss an ein Sprachenstudium ein Studium der Sinologie, Germanistik und Medizingeschichte an. Sie spezialisierte sich auf klassische chinesische Medizin, studierte 1989-1991 chinesische Medizin an einer privaten Fachschule in Taiwan. Auf die Promotion 1999 in Sinologie folgte 2010 die zweite in theoretischer Medizin. Sie arbeitet seit 1999 in eigener Praxis, Fachpublikationen, Übersetzungen klassischer medizinischer Texte aus dem Chinesischen in europäische Sprachen sowie Lehrtätigkeit sind weitere Betätigungsfelder.

(Angaben basieren auf dem Vortrag sowie dem Vortragsmanuskript von Andrea-Mercedes Riegel)

Hier finden Sie die Präsentationsfolien des Vortrags: 20210429_CM und Rheuma

 

 

ChinaCool: Als Au-Pair in China

Am 11. März 2021 fand wieder einmal eine Online-Ausgabe unserer Reihe „ChinaCool“ statt. Dieses Mal begrüßten wir Elisabeth Dux als Referentin. Sie promoviert in Rechtsgeschichte an der Juristischen Fakultät der Universität Heidelberg und war vor ihrem Studium ein Jahr als Au-Pair in Guangzhou in China tätig. Ihre Erfahrungen, die sie in diesem Jahr gemacht hat, waren das Thema ihres Vortrags.

Bevor man als Au-Pair nach China kann bedarf es natürlich an viel Vorbereitung. Zuerst muss man eine Agentur finden, welche überhaupt Au-Pairs nach China vermittelt, da China hier eher nicht das typische Zielland für eine Au-Pair-Tätigkeit ist. Dazu kommen noch Workshops zur Vorbereitung, bei Elisabeths Agentur waren diese in Hamburg. Auch ein Online-Kennenlernen mit der potentiellen Gastfamilie gehört dazu. Sobald dann auch noch das Visum und der Flug geklärt waren, ging es endlich nach China.

Am Ende landete Elisabeth bei einer recht wohlhabenden Familie in Guangzhou mit insgesamt drei Kindern. Ihre Hauptaufgabe war es, mit diesen Englisch und Französisch zu üben. Untergebracht war sie für diese Zeit in der Gated Community ihrer Gastfamilie, allerdings nicht direkt in deren Wohnung. Ihr Alltag war sehr abwechslungsreich. Oft hat sie mit den Kindern gespielt oder Bücher gelesen, manchmal auch ihre Gastmutter zum Einkaufen begleitet.

Neben ihren Aufgaben bei der Gastfamilie wurden auch Aktivitäten von der in Guangzhou für sie zuständigen Au-Pair-Agentur organisiert. Dort besuchte Elisabeth mit den anderen Au-Pairs einen Sprachkurs. Daneben gab es auch noch Ausflüge oder kleinere Events wie etwa gemeinsames Kochen.

Ausflüge machte Elisabeth auch mit ihrer Gastfamilie, die sie auch auf Reisen begleiten durfte. So hatte sie die Gelegenheit, viele Orte in China kennenzulernen. Beispielsweise waren sie manchmal im Geburtsort ihrer Gastfamilie, wo die ländliche Umgebung einen starken Kontrast zum Alltag in der Metropole bot. Auch ein Skiurlaub im Norden Chinas war eine besondere Erfahrung. Eine der Reisen brachte sie sogar zurück nach Europa: nach Frankreich!

Insgesamt fand Elisabeth ihre Erfahrung als Au-Pair in China sehr schön. Kulturschock und Heimweh blieben zwar nicht aus, aber es war doch eine einmalige Gelegenheit zum Kennenlernen Chinas und seiner Kultur. Ihre Erfahrungen lehrten sie außerdem Toleranz und Durchhaltevermögen.

ChinaCool: Studieren auf Chinesisch

Wir haben uns sehr gefreut, für unseren ChinaCool-Vortrag im April Jakob Erlei, der uns von seinem Bachelor-Studium in China erzählt hat, als Referenten begrüßen zu dürfen! Nach seinem Abitur und einem Jahr Zivildienst ging es für Jakob auch schon direkt nach China. Zuerst besuchte er für ein Jahr einen Sprachkurs an der Tongji-Universität in Shanghai, bevor er schlussendlich seinen Bachelor an der Shanghai International Studies University begann.

Die Entscheidung für die Tongji-Universität geschah aus pragmatischen Gründen: Da Jakob sich recht kurzfristig dazu entschlossen hatte, nach China zu gehen, war bei ihr als einzige Universität noch das Anmeldeverfahren für Sprachkurse offen. Damals erfolgte die Anmeldung noch per Post. Per Post bekam Jakob dann auch einige Unterlagen zurück, unter anderem auch eine ausgedruckte Karte von Shanghai, die ihn bei seiner ersten Ankunft dort unterstützen sollte.

An der Tongji-Universität gab es verschiedene Sprachkurse. Im ersten Semester war Jakob im Non-Degree Programme, welches sich vorrangig an Expats oder Stipendiaten richtet. In diesen Kursen, die halbtags stattfanden, kam er aber vom Gefühl her eher schleppend voran. Nach einigen Gesprächen und Verhandlungen mit den Lehrern wurde ihm dann erlaubt, im zweiten Semester in das Bachelorprogramm für Chinesisch zu wechseln. Dort konnte er dann schnell große Fortschritte machen. Auch in seinem Alltag hatte er viele Möglichkeiten, Chinesisch zu üben. In seiner WG lebte er mit ein paar Chinesen zusammen, die zudem kein Englisch sprachen. Die Tatsache, dass viele Leute an der Tongji-Universität Deutsch lernen, half auch sehr bei der Suche nach Tandempartnern. Im Laufe seines Chinesischkurses kam ihm dann die Idee, einen ganzen Bachelor in China zu machen.

So entschied er sich für den Studiengang „International Public Relations“ an der Shanghai International Studies University. Der Campus befindet sich in Songjiang, etwas weiter entfernt vom Stadtzentrum Shanghais.

Als Bachelorstudent in einem regulären chinesischen Bachelorstudiengang wurde er bis auf wenige Ausnahmen komplett gleich wie seine chinesischen Kommilitonen behandelt. Ausnahmen waren das Militärtraining und der Sozialismus-Unterricht, die man normalerweise absolvieren muss, an denen er nicht teilnehmen musste. Auch einen Platz im chinesischen Wohnheim konnte er nicht bekommen und hat deshalb außerhalb der Universität eine Wohnung gemietet. Sonst war der Uni-Alltag gleich. Wie seine Kommilitonen musste Jakob bestimmte zusätzliche Fächer absolvieren, darunter vier Semester Sportunterricht und ein Semester chinesische Literatur. Teilweise durfte er in seinen Klausuren und Abschlussarbeiten Englisch benutzen, aber das kam auf die jeweiligen Lehrkräfte an.

Schlussendlich konnte Jakob seinen Bachelor in Shanghai erfolgreich abschließen. Natürlich war nicht immer alles ganz einfach, wie man es bei so einem langen Auslandsaufenthalt auch erwarten kann. Insgesamt überwiegen für ihn aber die guten Aspekte dieser Erfahrung. Vor allem der einmalige Einblick in Kultur und Alltag in China sticht als größter Vorteil heraus. Und nebenbei kann man natürlich auch sehr gut Chinesisch lernen.

Chinesische Medizin und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

In Kooperation mit dem Konfuzius-Institut an der Universität Heidelberg und der Akademie für Ältere setzte Frau Dr. Dr. Andrea-Mercedes Riegel unsere seit vielen Jahren beliebte und erfolgreiche Vortragsreihe zur Chinesischen Medizin und Heilkunde am 25.03.2021 im digitalen Rahmen fort. Die Heilpraktikerin Andrea Riegel führt eine Praxis für klassische chinesische Medizin in Oftersheim bei Heidelberg und gibt regelmäßig im Rahmen ihrer Vorträge exklusive Einblicke in die chinesische Naturheilkunde.

Herz-Kreislauferkrankungen nehmen in der heutigen Zeit stetig zu. Insbesondere der Bluthochdruck ist ein Phänomen bei steigender Stressbelastung. Zwar stehen in der Schulmedizin unterschiedliche Arten von Blutdrucksenkern zur Verfügung, doch kann sich ein Blick auf Alternativen in der chinesischen Medizin lohnen.

Nach einer Einführung in die Thematik durch Heidi Marweg ging Andrea Riegel zunächst auf die Funktion des Herzens ein. Das Herz sei dasjenige Organ, welches für die Versorgung des gesamten Organismus mit Blut und damit Sauerstoff verantwortlich ist. Gesteuert von einem autonomen Reizleitungssystem erfolge ein permanenter Austausch zwischen sauerstoffarmem und sauerstoffreichem Blut. Das sauerstoffreiche Blut aus der Lunge werde mit 70 bis 80 ml pro Herzschlag, 6L pro Minute in die Peripherie gepumpt. Das Funktionieren des Kreislaufsystems hänge vornehmlich von der Leistungsfähigkeit des Herzens und der Beschaffenheit der Blutgefäße ab. Herz-Kreislauferkrankungen oder „cardio-vasculäre Erkrankungen“ stellten in der modernen Gesellschaft allerdings ein großes Problem dar und seien weltweit für viele Todesfälle verantwortlich. Risikofaktoren für Herz und Gefäße seien neben Stress Ernährungsfehler, Alkohol, Nikotin, Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Adipositas. Daneben kämen auch Allergien und vor allem Lebensmittelunverträglichkeiten für eine Erhöhung des Blutdrucks in Betracht. Zu den „Krankheiten des Kreislaufsystems“ zählen laut ICD Akutes rheumatisches Fieber, Rheumatische Klappenstenosen, Hypertonie, Koronare Herzkrankheit KHK und Infarkt, Pulmonale Hypertonie („cor pulmonale“), Entzündungen des Herzens (Endocorditis, Myocarditis, Pericarditis), Zerebrovasculäre Krankheiten (Hirnblutung), Arterielle Verschlusskrankheit (AVK), Venenerkrankungen (Krampfadern, Thrombosen) und Lymphstagnationen, sonstige Störungen des Kreislaufsystems (Hypotonie).

Die Behandlung cardio-vaskulärer Erkrankungen erfolge meist über entsprechende Medikamente wie Statine (Cholesterinsenker), Blutdrucksenker mit verschiedenen Wirkmechanismen und Blutverdünner. Meist seien jedoch Herz-Kreislaufmedikamente nicht die einzigen Präparate auf der Medikamentenliste der Patienten, so dass sich die Frage nach Alternativen durchaus stelle.

Schaue man sich das Ganze nun aus dem Blickwinkel der chinesischen Medizin an, so sei eine ganz klare Hierarchie der Innenorgane auszumachen. Das Herz sei im Organismus der absolute Herrscher, der im Zentrum des Himmelsbereiches des Menschen stehe, direkt umhüllt vom obersten Minister Perikard und flankiert von seinem Premierminister Lunge. Seine weiteren Minister sind Leber als „Zuarbeiter“ und Niere als Kontrolleur: Der Herrscher müsse mitunter vor sich selbst beschützt werden, diese Aufgabe übernehme im Organismus die Niere. Das Herz werde in alten Abbildungen als eine sich öffnende Lotusblume mit Verbindungsfäden zu den übrigen Speicherorganen Niere, Leber Milz und dem stabilen Verbindungsrohr zur Lunge dargestellt.

Im Rahmen der fünf Phasentheorie ist das Herz ein Speicherorgan von fünf. Es unterhalte eine Mutter-Sohn-Beziehung zur Leber (Mutter) und eine zur Milz (Sohn). Es kontrolliere die Lunge (Metall) und werde von der Niere (Wasser) kontrolliert. Zuordnungen:

Farbe Struktur Sinnesorgan Jahreszeit Pathogener Faktor Geschmack Speicher
rot Gefäße Zunge Sommer Hitze bitter Shen Freude

Um das Herz mit seinen Funktionen aus Sicht der chinesischen Medizin zu verstehen, sei hilfreich, so Riegel, die einzelnen Funktionen zu „interpretieren“. Das Herz sei tatsächlich dasjenige Organ, an dem sich die unterschiedlichen Organfunktionen der Innenorgane Yang, Yin und Qi am ehesten darlegen ließen. Die Yang-Funktion ist die grundlegendste Funktion, um eine Organfunktion zu erhalten. Im Organismus ist sie Grundlage für die Qi-Funktion und kann entweder im Organ selbst oder zentral gefunden werden. Im Falle des Herzens liege für die Yang- Funktion das Herzreizleitungssystem, das Herz-Kreislaufzentrum im Hirnstamm, das limbische System und den Sympathikus vor. Herz-Yin könne dementsprechend einerseits das Organ selbst bezeichnen, andererseits die emotionale Kontrolle oder den Vagus; denn das Herz und der Blutdruck würden durch die beiden Sympathikus und Parasympathikus moduliert. Die Qi-Funktion bezeichne die Pumpfunktion des Herzens. Die Feuer-Wasser-Beziehung im Organismus ist wohl die wichtigste Organbeziehung überhaupt. Wir kennen aus den Klassikern die Aussagen „Herz und Niere kommunizieren miteinander“, „Wasser und Feuer nähren einander“, „Wasser und Feuer berühren einander“. Es gehe demnach nicht um Zerstörung, sondern um gegenseitige Unterstützung.

Herz-Yang werde benötigt, um die Niere anzuwärmen, um sie in die Lage zu versetzen, Essenz für die Bildung von Herz-Blut bereitzustellen, das auch den Geist (shen 神) speichere, und mit ihrem Wasser Herz-Feuer zu kontrollieren. Das Herz-Qi (Pumpfunktion) wird benötigt, um das Blut in die Peripherie zu treiben. Die Harmonie zwischen Herz und Niere ist wesentlich für die Gesundheit des Organismus, für den regulären Blutkreislauf und als Basis für mentale Gesundheit. Die “Kommunikation” zwischen beiden ist daher essentiell. Problematisch wird die Situation, wenn Herz-Feuer und Nieren-Wasser auseinanderdriften. Das ist eine wesentliche Ursache für Bluthochdruck mit all seinen Symptomen und mentale Störungen wie innere Unruhe, Nervosität, Angststörungen (Herz-Hitze).

Wie könnte man sich eine derartige Störung in der Niere-Herz-Achse aus Sicht der Schulmedizin vorstellen?

Niereninsuffizienz (Nieren-Yang-Leere): Durch den Verbleib harnpflichtiger Stoffe im Körper steigt der Blutdruck.

Hyperthyreose (Nieren-Yin-Leere): Fehlende Kontrolle der Schilddrüsenachse führt zu Bluthochdruck und Nervosität, Palpitation, Schweißausbrüchen.

Nieren-Arterien-Stenose: Der bildliche „Abriss“ der Verbindung zwischen Niere und Herz führt zur Erhöhung des Blutdrucks (RAAS).

Aus dem Bereich des fünf Phasensystems wird deutlich, dass die Faktoren Stress, Ärger und Hektik, die die Leber belasten, sich wiederum negativ auf das Herz und damit den Blutdruck auswirken können. Ähnliches gilt für die Mitte, die Milz, die für ihre Funktion von ausgewogener Ernährung abhängig ist. Fehlernährung kann sich in jedem Falle langfristig auf Herz und Kreislauf auswirken ebenso wie – nicht erkannte – Lebensmittelunverträglichkeiten, die für „Hitze“ im Bereich der Mitte verantwortlich sind.

Für die Therapie von Herz-Kreislaufproblemen kommen sämtliche therapeutische Anwendungen in Frage: Akupunktur, Kräutertherapie, Bewegungstherapie und Diätetik. Aufgrund der klaren Unterscheidung der unterschiedlichen Herzaspekte lassen sich direkte Zuordnungen treffen und je nach Ursache und Pathomechanismus Therapieziele festlegen. In jedem Fall aber ist die Niere als Kontroll- und Unterstützungsorgan mit zu berücksichtigen.

Bluthochdruck (Hypertonie): Symptome: rotes Gesicht, Kopfschmerz, evtl. bitterer Mundgeschmack, Schlafstörung, Ohrensausen, Nervosität, Nasenbluten, Kurzatmigkeit, Schwindelgefühl, schnelles Schwitzen

CM: Herz-Hitze, Herz-Feuer: Therapieziel: Herz-Feuer löschen, Nieren-Wasser stärken; Akupunktur Hauptpunkte: Ni 3 – He 7 und/oder Pe 6 – Le 3, Ma 36, Ren 15; Kräuter: Coptidis Rhizoma/Cinnamomi Cortex, Salviae miltiorrhizae Radix (danshen), Curcumae Rhizoma, Moutan Cortex

Niedriger Blutdruck (Hypotonie) – Kreislaufprobleme: Symptome: Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit, kalte Hände/Füße, Blässe, Schwindel, Ohnmacht, Herzklopfen

CM: Herz-Qi-Leere, Blutleere: Herz-Qi stärken, Blut und Niere nähren; Akupunktur: Ren 6 – Ma 36, Di 10 (shousanli), Di 4 – Le 3 (siguanxue); Kräuter: Atractylodis macro. Rhizoma, Poria cocos, Codonopsitis Radix, Ginseng Radix

Angina pectoris/Herzinfarkt: Symptome: Brustenge, Brennen retrosternal

CM: Herz-Bi (Herz-Obstruktion), Brust-Bi (Brust-Obstruktion), Schleim-Hitze bedrängt das Herz (Arteriosklerose): Therapieziel: Blut- und QI-Zirkulation im Bereich des Herzens anregen; Akupunktur: Ren 17, Pe 4 oder Pe 6, Ren12, Ren 15, Ma 36; Kräuter: Schizandra Fructus, Citri sarcodactylis Fructus, Crataegi Fructus

Grundsätzlich ist zu beachten, dass sich Therapieziel und Therapie stets nach dem Gesamtbild des Patienten richten und auf jeden Menschen vom Therapeuten  individuell zugeschnitten wird.

Regelmäßige Bewegung, die Beachtung bestimmter Ernährungsregeln, gerade bei Bluthochdruck, sind unabdingbar. Ergänzend hierzu sind immer wieder kurweise Akupunkturbehandlungen oder Kräutertherapie in Anspruch zu nehmen. Die Praxis habe gezeigt, dass bereits sehr einfache Akupunkturpunktekombinationen eine große Wirkung auf eine Normalisierung des Blutdrucks ausüben könne. Dis gelte auch für die Implantatakupunktur, bei der Implantate an bestimmte Punkte im Ohr angebracht würden, um dort über mehrere Monate zu verbleiben und einen regulativen Dauerreiz auszuüben.

(Angaben basieren auf dem Vortrag sowie dem Vortragsmanuskript von Andrea-Mercedes Riegel)

 

Hier finden Sie die Präsentationsfolien des Vortrags: 20210325_CM und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

 

 

 

Chinas digitale „Convenience Society“

Am 12.03.2021 fand in Kooperation mit den Konfuzius-Instituten in München, Düsseldorf und Hamburg ein Online-Vortrag mit Dr. Hannes Jedeck, Sprachbereichskoordinator des Konfuzius-Instituts in Heidelberg, statt. Im Zentrum stand die sogenannte „digitale Convenience Society“ in China, einer Begleiterscheinung der schnellen, digitalen Transformation der chinesischen Kultur und Gesellschaft. Diese bietet ihren Mitgliedern die unterschiedlichsten Dienstleistungen über Smartphone-Apps an und verspricht eine schnelle Verfügbarkeit sowie ein besonders bequemes Verfahren der Abwicklung. So können unterschiedliche Lebensbereiche des Alltags – Konsum, Kommunikation, Mobilität und Finanzierung – möglichst angenehm und bequem bzw. „convenient“ organisiert werden. Doch wie „convenient“ (fangbian 方便) ist die digitalgesteuerte Lebenswelt tatsächlich? Wer profitiert von einer wachsenden Bedeutung von mobiler Datentechnik? Inwieweit ist der chinesische Staat als Steuerungs- und Kontrollorgan beteiligt? Welche Schattenseiten hat eine solche netzabhängige Gesellschaft, die geprägt ist von einer umfassenden digitalen Mobilität? Und schließlich: Welche Aspekte könnten auch für die deutsche Gesellschaft nachahmenswert sein?

 

Diesen Fragen ging Hannes Jedeck während seines 45minütigen Vortrags nach. Er stellte zunächst „Convenience“ als Schlüsselbegriff und Ausgangspunkt seiner Überlegungen vor. So stellt die „digitale Convenience Society“ nicht nur eine praxis- und technikorientierte Gesellschaftsform dar, sondern vor allem auch einen Lebensstil. Konsum und Kommunikation werden zentral über ein handliches System gesteuert, Beziehungen und Netzwerke über Apps und QR-Codes aufgebaut und gepflegt. Anhand der beispielhaften und innovativen Veränderungen innerhalb des Chat-Dienstleistungs-Marktes zeigte Jedeck auf, wie technischer Fortschritt und eine besondere Offenheit der Smartphone-Nutzer*innen gegenüber den neuesten digitalen Entwicklungen den Weg Chinas zu einer Gesellschaft ebnete, die von ebenjener namensgebenden „Convenience“ geprägt ist. Umgekehrt reagierten Unternehmen, App-Entwickler und Start-ups unglaublich schnell auf Veränderungen des „Mind-Sets“ der jungen und auch älteren „Techies“ in China. Diese seien technischen Innovationen grundsätzlich offen gegenüber eingestellt, so Jedeck. Der schnelle Ausbau des Netzes im Zuge der „China 2025“ Informatisierungs- und Industrialisierungsbestrebungen sorgte schließlich für die Grundvoraussetzung einer reibungslosen Rundumversorgung über App-Dienste, wie sie beispielsweise WeChat anbietet, einem Paradebeispiel für eine nutzer*innenorientierte digitale Umsetzung des Convenience-Prinzips.

 

Als negative Faktoren nannte Hannes Jedeck die Schwierigkeit für Nutzer*innen, das digitale Ökosystem wieder zu verlassen, den unausgesprochenen Trade-off zwischen Annehmlichkeiten durch die Anbieter und der reziproken Preisgabe von Daten seitens der Anwender*innen, den Exklusionscharakter durch die notwendige Nutzung von immer wieder zu aktualisierender Hard- und Software sowie die daraus resultierende Verstärkung von Klassenunterschieden. Auch der Staat als Kontrollorgan wurde als politischer Preis der „digitalen Convenience Society“ aufgeführt, der über das Netz Wissen über seine Bürger*innen abschöpfen kann. Schließlich sei auch der ökologische Preis kein geringer, so Hannes Jedeck auf Rückfrage aus dem Publikum. Smartphones bestehen aus seltenen Rohstoffen, die unter schwierigen Arbeitsbedingungen geborgen werden und die nur schwer abbaubar sind. Für die Gewährleistung einer ständigen Verfügbarkeit der angebotenen Dienstleistungen und die für Verarbeitung des stets wachsenden Datenvolumens werden riesige Rechenzentren benötigt, die wiederum viel Energie benötigen. Selbst wenn die deutsche Gesellschaft vom Innovationsgeist chinesischer App-Entwickler*innen lernen kann und der technische Fortschritt in Krisensituationen wie z.B. unter Pandemiebedingungen durchaus von Nutzen für eine Gesellschaft im Lockdown ist, so scheint der Preis der „digitalen Convenience Society“ in Zeiten des Klimawandels und des zunehmend gläsernen Netizens doch ein sehr hoher, vielleicht sogar zu hoher zu sein.

Eine Aufzeichnung des Vortrags finden Sie hier.

Über den Referenten:

Dr. Hannes Jedeck versteht sich als Vermittler, Übersetzer und Dekodierer der chinesischen Gesellschaft und Kultur in verschiedenen Kontexten. Er ist Koordinator des Sprachprogramms des Konfuzius-Instituts an der Universität Heidelberg und Gründer der „Initiative für den bundesweiten Aufbau von Chinakompetenz“ (IBAC) mit dem Ziel, ein Netzwerk aus Chinaexperten aufzubauen und über aktuelle Themen mit Chinabezug in Deutschland zu informieren. Auf dem Blog „China.Digital“ berichtet er über seine Erfahrungen zum Thema Digitalisierung im Reich der Mitte. Während der Zeit seiner Dissertation an der Exzellenzuniversität Bonn war er Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes.

Chinesische Medizin: Pathogene Faktoren- Eine Einführung (Teil II)

In Kooperation mit dem Konfuzius-Institut an der Universität Heidelberg und der Akademie für Ältere setzte Frau Dr. Dr. Andrea-Mercedes Riegel unsere seit vielen Jahren beliebte und erfolgreiche Vortragsreihe zur Chinesischen Medizin und Heilkunde am 18. Februar 2021 pandemiebedingt im digitalen Format fort. Die Heilpraktikerin Andrea Riegel führt eine Praxis für klassische chinesische Medizin in Oftersheim bei Heidelberg und gibt regelmäßig im Rahmen ihrer Vorträge exklusive Einblicke in die chinesische Naturheilkunde.

Teil II der Einführung in das System der chinesischen Medizin befasste sich vornehmlich mit den krankmachenden Faktoren, nachdem in Teil I das holistische System der chinesischen Medizin und damit verbundenen Auswirkungen auf das Erkennen und Definieren von pathologischen Zuständen vorgestellt worden war. Die chinesische Medizin ist ein System, welches auf Symbolik und Bildern beruht. Dies betrifft auch die Sicht von den krankmachenden Faktoren. Sie sind den fünf Wandlungsphasen zugeordnet und beschreiben in bildhafter Weise ihre Wirkung im Körper.

Hier finden Sie die Präsentationsfolien des Vortrags: 2021_Grundlagen_CM_Teil II_Pathogene Faktoren

 

Die weiteren Veranstaltungen in der Reihe “Chinesische Medizin” befassen sich mit den folgenden Themen:

25.03.2021: Chinesische Medizin und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

29.04.2021: Chinesische Medizin und Demenz(mit Parkinson, MS, Alzheimer)

20.05.2021: Chinesische Medizin und Kopfschmerzen (Migräne)

Juni: Chinesische Medizin und Rheuma

(Änderungen vorbehalten)