2. – 25 Juli 2021: Chinesische Regisseurinnen 2018 bis heute – Rückbesinnung auf die Familie?

Die letzten Jahre haben in China eine Reihe an bemerkenswerten Filmen von Regisseurinnen gesehen: Erstlingswerke wie auch Streifen etablierter Filmemacherinnen, die durch Qualität und Eigenwilligkeit beeindrucken. Auffallend ist eine offensichtliche Auseinandersetzung mit Familienthemen: das Heranwachsen und langsame Erwachsenwerden junger Menschen, oft junger Mädchen, das mit ernsten Fragen des Lebens oder ersten Abschiedserfahrungen einhergeht; die konfliktgeprägte Mutter-Tochter-Beziehung, Verlust und Reifeprozesse. Feinfühlige menschliche Analysen sind eingebettet in farbenprächtige Naturaufnahmen. Die Frage, inwieweit diese Familienbilder stellvertretend für nationale Strukturen und Gegebenheiten verstanden werden können, bleibt den Zuschauern überlassen. In jedem Fall werden sie um menschliche Erfahrungen und Einsichten bereichert.

Bitte beachten Sie, dass nicht alle Filme online zugänglich sein werden. Drei der ausgesuchten Filme werden im Karlstorkino gezeigt, einer davon ist nur dort zu sehen. Dr. Isabel Wolte (Universität Wien), Expertin für chinesischen Film, wird anwesend sein und in die Filme einführen. Drei weitere Filme sind ausschließlich online zu sehen. Bitte beachten Sie die aktuellen Corona-Regeln des Karlstorkinos.

Kino 2. – 4. Juli 2021

Karlstorkino: Freitag, 2.7.: 19 Uhr: A first Farewell (86′ + 30′ Nachgespräch)

《第一次的离别》A First Farewell (Di yi ci de li bie)

China, 2018; OmeU, 86min

Regie: Wang Lina

Tief im Nordwesten Chinas lebt Isa in einer uigurischen Dorfgemeinschaft. Neben der Schule und der Arbeit auf dem kleinen Hof seiner Eltern verbringt er unbeschwerte Tage mit seinen Freunden. Bis die Außenwelt ihm immer mehr Abschiede abverlangt.

Wang Lina: Geboren 1987 in Xinjiang. Regie-Studium an der Chinesischen Universität für Medienkommunikation. A First Farewell ist ihr Debütfilm und gewann den Best Asian Future Film Award beim Tokyo International Film Festival wie auch den Großen Preis der Internationalen Jury von Generation Kplus bei der Berlinale 2019.

 

Karlstorkino: Samstag, 3.7.: Spring Tide: 20.00 Uhr (124′ + 30′ + Nachgespräch), sowie online vom 5.-11.7.2021:

《春潮》Spring Tide (Chun chao)

China, 2019; OmdtU, 124min

Regie: Yang Lina

Drei Generationen, jeweils Mutter und Tochter. Anhand einer Familie wird ein eindringliches wie universelles Bild des Lebens und Fühlens chinesischer Frauen gezeichnet. Die rasanten Änderungen im China der letzten Jahrzehnte hinterließen tiefe Gräben zwischen den Generationen.

„Jede von uns ist geprägt durch die Zeit, in der wir leben, und durch unsere Familie. … Dieser Film ist wie ein Spiegel, er reflektiert nicht nur unsere Sorgen, sondern auch alltägliche Themen, Wärme und Hoffnung. “ (Zitat Yang Lina).

Yang Lina, geb 1972, ist eine international anerkannte Regisseurin des unabhängigen chinesischen Dokumentarfilms. Spring Tide ist der zweite Spielfilm einer Trilogie über chinesische Frauen nach Longing for the Rain (2013).

 

Karlstorkino, Sonntag, 4.7.: The Crossing: 11.00 Uhr (99′ + 30′ + Nachgespräch), sowie online vom 5.-11.7.2021:

《过春天》The Crossing (Guo chun tian)

China, 2019; OmeU, 99min

Regie: Bai Xue

Von den Kontrollbeamten kaum beachtet, passiert die 16-jährige Peipei täglich den Übergang zwischen dem chinesischen Festland und Hongkong. Sie träumt von einer Reise nach Japan, doch ihr fehlt das Geld. Auf einer Party lernt sie Hao kennen, der Mitglied einer Schmugglerbande ist. Vorbei an Hochhausschluchten und durch schummrige Lagerhallen führt der Film mitten in die Transitzone zweier Grenzmetropolen. Die Versprechen der Moderne vor Augen und mit brandneuen iPhones im Gepäck, wagt Peipei den riskanten Übergang in die Eigenständigkeit.

Bai Xue, Regie-Studium an der Pekinger Filmakademie. The Crossing ist ihre Lang-Spielfilmdebüt und premierte auf dem Toronto International Film Festival.

 

NUR ONLINE ZUGÄNGLICH

12.-18.7.2021: Red Flowers, Green Leaves

《红花绿叶》Red Flowers, Green Leaves (Hong hua, lü ye)

China, 2018; OmeU, 96min

Regie: Liu Miaomiao

Obwohl der 22 jährige Gubo an einer unbenannten Krankheit leidet, soll er verheiratet werden. Die Eltern der Witwe Asheeyen sind einverstanden, da ihr Mann und große Liebe tragisch verstorben ist. Anfangs unwillig und schwierig, nimmt die Beziehung eine positive Wendung.

Zur Gänze in einem Dorf der Hui Nationalität mit Laiendarstellern gedreht, gibt dieser Film der Regisseurin der 5.Generation Liu Miaomiao (geb. 1962) Einblick in das Leben der moslemischen Ethnie in der Provinz Gansu. Liu Miaomiao wie auch der taiwanesische Autor Shi Shuqing der Erzählung, die diesem Film zugrunde liegt, sind selbst Hui.

 

19.-25.7.2021: Changfeng Town

《长风镇》Changfeng Town (Changfeng zhen)

China 2019; OmeU, 124min

Regie: Wang Jing

Dieser einzigartige Film entführt in einen wundersamen Mikrokosmos von Menschen aller Altersgruppen und verschiedener Professionen. Ihre seltsamen und komischen Geschichten werden aus der Perspektive einer Gruppe umherstreunender Lausbuben gezeichnet. In fünf Episoden entsteht ein magisch-realistisches Bild der imaginären Kleinstadt Changfeng, Die Menschen kennen einander alle und sind mit ihrem Leben zufrieden. Hin und wieder fliegt ein Flugzeug vorbei und erinnert an die Welt außerhalb dieser Kleinstadt. So ist dieser Film auch eine Geschichte des allmählichen Erwachsen-Werdens.

Geprägt von Nostalgie für eine vergangene Zeit, blickt Regisseurin Wang Jing (geb 1981) in ihrem zweiten Film auf ihren Heimatort.

 

19.-25.7.2021: Summer is the Coldest Season

《少女佳禾》Summer is the Coldest Season (Xiao nü Jiahe)

China, 2020; OmeU, 121min

Regie:  Zhou Sun

Die sensible, introvertierte Jiahe lernt den Jungen Yu Lei kennen, der in direkter Verbindung mit dem Tod ihrer Mutter steht, er wurde frühzeitig aus der Besserungsanstalt entlassen. Wie ein Puzzle setzt sich Stück für Stück die Geschichte zusammen, kompromisslos führt der Film durch die komplexen Gefühlsprozesse des jungen Mädchens, die sie ihrem Vater wieder näherbringen und sie letztlich zur Vergebung führen.

Summer is the Coldest Season ist eine eigenwillige coming-of-age Geschichte. In ihrem Debütfilm beweist Regisseurin Zhou Sun ihr Talent als Erzählerin psychologischer Prozesse.

 

 

Isabel Wolte, Universität Wien, studierte zunächst Informatik und Künstliche Intelligenz, dann Klassische Philosophie an der Universität Edinburgh. Von 2003 bis 2011 lebte sie in Peking. 2009 wurde sie an der Peking Film Akademie promoviert. Ihre Doktorarbeit legte sie auf Chinesisch vor.

Seit 2003 ist sie Geschäftsführerin ihrer eigenen, familiengeführten Firma “China Film Consult Wolte KG”, die für die Förderung des kulturellen Austauschs und der Zusammenarbeit mit China auf dem Gebiet der Kultur, vor allem im Bereich Film, tätig ist, u.a. bei der Organisation und Konzeption von chinesischen Filmprojekten und Beratung bei Koproduktionen und Drehs in China.

Seit 2010 ist Isabel Wolte Lektorin am Institut für Ostasienwissenschaften/Sinologie der Universität Wien und war außerdem 2011 bis 2015 Lektorin an der Beijing Film Academy, daneben publiziert sie und hält Vorträge zum chinesischen Filmschaffen.

 

Vortragsreihe: Sinology goes public: Ein weinender Halbdrache. Vom “Dazwischen-Schreiben” der Autorin Luo Lingyuan

In unserer Reihe „Sinology goes public“ stellen Nachwuchswissenschaftler:innen ihre Forschung zu unterschiedlichen China-bezogenen Themen vor. Wir freuen uns auf die zweite Veranstaltung in diesem Jahr, die am 15. Juli um 18 Uhr online stattfinden wird. LU Zhinan, Doktorand am Institut für Deutsch als Fremdsprache (IDF) der Universität Heidelberg spricht in seinem Vortrag „Ein weinender Halbdrache“ über das „Dazwischen-Schreiben” der chinesisch-stämmigen Autorin Luo Lingyuan.

Luo Lingyuan gilt als eine der bedeutendsten Repräsentant:innen deutschsprachiger Literatur chinesischer Autorschaft der letzten Jahre und ist auch bereits Gast unseres Konfuzius-Instituts gewesen. Im Zentrum des Vortrags steht der im Jahr 2009 erschienene Roman Wie eine Chinesin schwanger wird. Dieser handelt von einer chinesisch-deutschen Liebesbeziehung. Als die Protagonistin Tingyi mit ihrem Freund Robert zum 70. Geburtstag ihres Vaters von Deutschland nach China reist, brechen eine ganze Menge Konflikte mit ihren Eltern wieder auf. In seiner wissenschaftlichen Arbeit untersucht Lu Zhinan nun, weshalb und wie die Autorin Luo Lingyuan diese deutsch-chinesische Beziehung zum Sujet macht und geht dabei der Frage nach, welche Funktionen die Konflikt-Inszenierungen haben.

Hören Sie, was es mit dem “Weinenden Halbdrachen” auf sich hat, erfahren Sie mehr über Identität und Sprache, so wie sie in Luo Lingyuans Roman verhandelt werden, über interkulturelle Verständnisse und Missverständnisse und nicht zuletzt über Eigenreflexion und Fremdwahrnehmung im Roman.

Fragen und Diskussion sind willkommen!

Lu Zhinan, 1991 in Jiangxi geboren, studierte Germanistik in Peking und Göttingen und hat 2018 sein Studium mit dem Master abgeschlossen. Nun promoviert er über den Berlin-Roman am IDF der Universität Heidelberg. Nebenbei arbeitet er als Lehrbeauftragter im Institut für Sinologie der Universität Heidelberg. Mehrfach schon hat er im Rahmen von Veranstaltungen, u.a. beim zehnjährigen Jubiläum des Konfuzius-Instituts, in seiner Muttersprache gelesen und Gedichte rezitiert.

Die Veranstaltung findet online als Livestream statt. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Um zum Livestream zu gelangen, klicken Sie bitte hier:

ChinaCool-Online: Vegan in China

Unsere nächste Ausgabe von ChinaCool-Online findet am 14. Juli 2021 um 19 Uhr statt. Wir freuen uns sehr, dieses Mal Ilaria Panzeri als Referentin begrüßen zu dürfen!

Ilaria kommt ursprünglich aus Italien und lebt und arbeitet jetzt in Hamburg, nachdem sie dort erfolgreich ihren Master in Sinologie abgeschlossen hat. In der Vergangenheit war sie schon viel in China unterwegs und hat unter anderem eine Weile in Dalian, Shanghai, Suzhou und Peking gelebt. In ihrem Vortrag erzählt sie, wie es sich als Veganerin in China lebt. Sie geht darauf ein, wie leicht oder schwer es ist, vegane Kost zu finden, und auch, warum sie öfters gefragt wurde, ob sie denn Buddhistin sei.

Der Vortrag findet online als Livestream statt. Um zum Livestream zu gelangen, klicken Sie bitte hier:

ChinaCool-Online: Vegan in China

Unsere nächste Ausgabe von ChinaCool-Online findet am 14. Juli 2021 um 19 Uhr statt. Wir freuen uns sehr, dieses Mal Ilaria Panzeri als Referentin begrüßen zu dürfen!

Ilaria kommt ursprünglich aus Italien und lebt und arbeitet jetzt in Hamburg, nachdem sie dort erfolgreich ihren Master in Sinologie abgeschlossen hat. In der Vergangenheit war sie schon viel in China unterwegs und hat unter anderem eine Weile in Dalian, Shanghai, Suzhou und Peking gelebt. In ihrem Vortrag erzählt sie, wie es sich als Veganerin in China lebt. Sie geht darauf ein, wie leicht oder schwer es ist, vegane Kost zu finden, und auch, warum sie öfters gefragt wurde, ob sie denn Buddhistin sei.

Der Vortrag findet online als Livestream statt. Um zum Livestream zu gelangen, klicken Sie bitte hier:

14. internationaler Sprachwettbewerb „Chinese Bridge“ für Schülerinnen und Schüler

2021年”汉语桥”世界中学生中文比赛德国赛区比赛由施特拉尔松德孔院和汉诺威孔院联合承办。决赛安排在6月26日周六通过ZOOM平台线上举办。

Die Konfuzius-Institute Stralsund und Hannover laden zum diesjährigen Chinese Bridge Wettbewerb für Schülerinnen und Schüler ein. Der Wettbewerb wird am Samstag, den 26. Juni 2021 online über die Videokonferenz-Plattform Zoom ausgetragen.

“汉语桥”中学生中文比赛是继“汉语桥”世界大学生中文比赛后,在 2008 年启动的又一项大型年度国际汉语赛事。“汉语桥”中文比赛为世界各国学习中文的青年学生提供一个展示中文能力的舞台,打造互相学习和交流的平台,激励其学习中文的热情和兴趣,增进其对中文和中华文化的理解。

Der internationale Schüler-Wettbewerb für die chinesische Sprache „Chinese Bridge“ ist ein großer, jährlich ausgetragener internationaler Chinesisch-Sprachwettbewerb, der 2008 nach dem Vorbild des “Chinese Bridge” Chinesisch-Sprachwettbewerbs für Studierenden ins Leben gerufen wurde. Der „Chinese Bridge“ Schüler-Wettbewerb bietet Schülerinnen und Schülern aus aller Welt die Chance, ihre chinesischen Sprachfähigkeiten auf einer internationalen Bühne unter Beweis zu stellen, eine Plattform für gegenseitiges Lernen und Kommunikation zu schaffen, ihren Enthusiasmus und ihr Interesse am Erlernen der chinesischen Sprache zu motivieren und ihr Verständnis für die chinesische Sprache und Kultur zu verbessern.

第十四届“汉语桥”世界中学生中文比赛德国赛区决赛由中华人民共和国驻德意志联邦共和国大使馆教育处主办,汉诺威孔子学院和施特拉尔松孔子学院共同承办。决赛的两名优胜者将被邀请至中国参加总决赛,获奖者将得到各种丰厚奖励,包括语言奖学金。

Das Deutschlandfinale des 14. Schüler-Wettbewerbs 2021 wird von der Abteilung für Bildungswesen der Botschaft der Volksrepublik China in der Bundesrepublik Deutschland getragen und mit Unterstützung der Konfuzius-Institute Hannover und Stralsund organisiert. Die zwei Gewinner des deutschen Finales werden am Finale in China teilnehmen. Für die Siegerinnen und Sieger des Weltfinales gibt es Stipendien des Konfuzius-Instituts und Sachpreise zu gewinnen.

 

Seien Sie dabei, wenn am Samstag, 26.06.2021 elf junge Kandidatinnen und Kandidaten ihre Chinesisch-Kenntnisse in einem Vortrag, ihr Talent in einer künstlerischen Darbietung und ihr Wissen über China in einer Fragerunde präsentieren. Außerdem haben wir ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm aus Grußbotschaften, Musik und Videobeiträgen zusammengestellt. Sie können den Wettbewerb entweder in einem Live-Stream auf dem YouTube-Kanal des Konfuzius-Instituts Stralsund (https://www.youtube.com/watch?v=ol05CHCmDkI) oder über Zoom mit diesem Zugang verfolgen:

https://us02web.zoom.us/j/83173517656?pwd=ZVdLQjQ1T3lPc0R6THBzWnJwUjNrZz09

Zoom ID: 83173517656

Passcode: hanyuqiao

Programmablauf

Ab 9:45 können Sie sich zuschalten und sich mit Videos von chinesischen Partnerstädten Niedersachsens und Stralsunds auf den Wettbewerb einstimmen. Der weitere Ablauf ist wie folgt geplant:

10:00 Uhr: Musikalischer Auftakt, Videobotschaften und Grußworte

10:30-11:40 Uhr: Erste Runde des Wettbewerbs (KandidatInnen 01-06)

11:40-12:00 Uhr: Grußbotschaften und Videos der Partnerhochschulen

12:00-13:00 Uhr: Zweite Runde des Wettbewerbs (KandidatInnen 07-11)

Musik- und Videoprogramm, während die Jury sich zur Beratung zurückzieht.

13:30 Uhr: Kommentar der Jury und Bekanntgabe der Gewinnerinnen und Gewinner

13:40 Uhr: Preisverleihung und Schlussworte

HanyuQiao2021_Programm

Chinesische Medizin und Demenz (Parkinson, Alzheimer, MS)

Am 24. Juni 2021 behandelte Andrea Mercedes Riegel in der Reihe „Chinesische Medizin“ in unserer in Kooperation mit der Akademie für Ältere stattfindenden Vortragsreihe “Chinesische Medizin” zum vorläufigen Abschluss dieser Vortragsreihe in diesem Jahr das Thema “Chinesische Medizin und Demenz“.

Unter Federführung der Akademie für Ältere Heidelberg und in Zusammenarbeit mit weiteren Partnern und Unterstützern aus Stadt und Kirche wird derzeit eine „Lokale Allianz für Menschen mit Demenz“ in Heidelberg und Umgebung aufgebaut und zahlreiche Veranstaltungen von der Akademie für Ältere zum Thema angeboten. Daher und um die neuere Forschung hierzu in China vorstellen zu können, haben wir dies zum Anlass genommen, den letzten Vortrag in unserer Reihe “Chinesische Medizin”  ebenfalls dem Thema “Demenz” zu widmen.

Die Demenz stellt eines der größten gesundheitlichen Probleme in der Welt dar. In Deutschland leben rund 1,6 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung, weltweit sind ca. 50 Millionen betroffen – Tendenz steigend. Demenz, sinngemäß „Ohne Geist“, definiert sich durch einen Abbau geistiger Fähigkeiten. Der Abbau geistiger Fähigkeiten, das zunehmende Vergessen (ganzer Vorgänge und Handlungen) führen letztlich dazu, dass der Patient allmählich seine Alltagskompetenz verliert. In der weiteren Entwicklung der Erkrankung treten neben Sprachprobleme, Veränderungen im psychischen Bereich sowie Persönlichkeitsveränderungen auf. Es kommt zu Störungen in folgenden Bereichen: Gedächtnis/Erinnerung, Denken, Sprache, Verhalten/Persönlichkeit und Orientierung.

Die Demenz ist auch Teil anderer systemischer Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Diabetes. In China ist die Behandlung der Demenz über die chinesische Medizin erst seit einigen Jahren in der Diskussion, die bisherigen Erfolge sind bereits erfolgversprechend. Es wurden verschiedene Demenz-Arten aus Sicht der chinesischen Medizin beleuchtet und die Chancen für Verbesserungen betrachtet. Da meist mehrere Symptome mit der Demenz einhergehen, wird allgemein vom „dementiellen Syndrom“ gesprochen. Es ist meist die Folge einer chronischen Erkrankung des Gehirns mit einer Störung der höheren kortikalen Funktionen. Die Pathomechanismen der Demenz sind weitgehend unbekannt, eine ätiopathogenetische Rolle spielen generell Nervenentzündungen, Schädigungen cholinerger Übertragungswege oder Intoxikationen sowie genetische Mechanismen. Das Risiko, an Demenz zu erkranken, steigt natürlich mit dem Lebensalter. Weitere Risikofaktoren sind weibliches Geschlecht, bestimmte Grunderkrankungen wie Morbus Parkinson oder Diabetes oder Bluthochdruck.

Die Demenz umfasst mehrere Unterarten. Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Demenz, daneben die Alters- und die vaskuläre Demenz und die frontotemporale Demenz, denen jeweils unterschiedliche Ursachen zugrunde liegen.

Die normale (Alters) -demenz zeigt Symptome wie Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen, beeinträchtigtes Denkvermögen, Probleme mit Alltagsbeschäftigung, Stimmungsschwankungen und Persönlichkeitsveränderungen. Zusätzlich können auftreten: Schlafstörungen, Probleme mit dem Tag-Nacht-Rhythmus, Essstörungen, später Inkontinenz und Ruhelosigkeit, das sog. „Wandering“. Bei der vaskulären Demenz sind die Symptome abhängig von dem von der Blutunterversorgung betroffenen Areal, und sie zeigt sich vornehmlich in einer Verlangsamung der Sprache, in Konzentrationsstörungen und Stimmungsschwankungen. Ursache sind hier meist Durchblutungsstörungen, hervorgerufen durch Arterienverkalkung der Hirngefäße, Hirnblutungen, Hirninfarkt (verstopfte Gefäße im Gehirn) oder Bluthochdruck. Auch Gluten als Verursacher chronischer degenerativer Entzündungen im Gehirn kann eine gewisse ätiologische Rolle bei der vaskulären Demenz spielen.

Eine besondere Form der Demenz ist die Alzheimer-Demenz. Sie ist gekennzeichnet durch einen fortschreitenden Prozess, ausgehend von einem zunächst schleichenden Beginn. Der schleichende Beginn ist gekennzeichnet durch Gedächtnisstörungen. Im weiteren Verlauf kommt es zum kontinuierlichen Abbau von Exekutivfunktionen, Aufmerksamkeit, räumlichen Fähigkeiten und psychomotorischer Geschwindigkeit. Begleitet wird die Alzheimer-Demenz von Depression, Apathie, Reizbarkeit, Aggression, Verwirrtheit und Gangstörungen. Als ätiologisch relevant werden hier  kleinste Veränderungen im Gehirn diskutiert, die sich als Plaques und Fibrillen zeigen. Diese Plaques bestehen aus dem Eiweiß beta-Amyloid und Tau-Protein. Auch die Fibrillen sind Eiweißstrukturen, die sich innerhalb der Nervenzellen fadenartig zusammenlegen. Es zeichnet sich zudem ein signifikanter Rückgang der Hirnmasse im Bereich des Hippocampus ab. Als Risikofaktoren für Alzheimer gelten Schwermetalle und Gifte wie Lösemittel oder Holzschutzmittel sowie Aluminium im Gehirn.

Die Standardtherapie in der Schulmedizin arbeitet u.a. mit verschiedenen Naturpräparaten wie z.B. Gingko zur Aktivierung der Blutzirkulation im Gehirn. Für die Alzheimerkrankheit werden vornehmlich Acetylcholinesterase-Hemmer eingesetzt (Donepezil, Rivastigmine), im fortgeschrittenen Stadium meist als Palliativum. Zusätzlich werden Medikamente für spezielle Symptome oder eventuelle Grunderkrankungen (Depression, Bluthochdruck, etc.) verabreicht. Daraus kann sich ein Medikamentencocktail ergeben, der wieder die Entgiftungsfunktionen von Leber und Niere überfordert, was sich dann rückwirkend wieder negativ auf die Hirnleistung auswirkt.

In der chinesischen Kulturgeschichte war der allmähliche Verlust des Denkvermögens kein eigenständiges Thema von medizinischem Interesse. Dementsprechend finden sich in der klassischen Literatur nur wenige Erwähnungen zur Demenz, die erste in der Geheimen Biographie des Hua Tuo aus dem dritten Jahrhundert. Erst in der Mingzeit findet sich im Jingyue quanshu des Zhang Jiebin ein Kapitel über Symptome des Verlustes der klaren geistigen Wegsteuerung und die Beschreibung von deren Ätiologie und Therapie. Die wichtigste Standardrezeptur, die Zhang zu diesem Thema entwickelte, das Qi Fu Yin 七福饮, ist heute Gegentand weitgehender Studien in China. (s.u.)

Aus chinesischer Sicht hängen Gehirn und Gehirnleistung von der Ernährung durch die Niere bzw. die Nieren-Essenz ab. Die Grundlage für die geregelte Hirnleistung und „klares Bewusstsein“ (shen) bildet also die Versorgung mit Essenz, die durch das Nieren-Qi in das Gehirn transportiert oder für die Bildung von Herz-Blut bereitgestellt werden muss, damit das Herz als Speicher des shen in die Lage versetzt wird, seiner Aufgabe nachzukommen. Die Niere wiederum wird von der Milz versorgt, ihr Essenz-Depot wird angereichert durch Essenz, die durch die Milz gefiltert wird. Erschöpfung von beiden, Niere und Milz, sind Risikofaktoren für das Entstehen einer Demenz. Das klare Bewusstsein hängt weiter von Qi ab. Mangel an Qi oder Stagnation in den Gefäßen von Qi und Blut bedeutet schwache Gedächtnisleistung und Mangel an geistigem Antrieb und sind auch Risikofaktoren für das Entstehen von „Schleim“. Durchblutungsstörungen der vaskulären Demenz wie die Bildung von Plaques bei der Alzheimer-Demenz gehören in den Bereich des Pathogens „Schleim“. Als wichtigste präventive Maßnahme gegen die Manifestation einer Demenz ergibt sich demnach die Ernährung. Zu den Prinzipien der adäquaten Ernährung zählt Ernährung mit warmen nährenden Lebensmitteln, daneben der Verzicht auf Kuhmilch und Gluten als „Schleimbildner“. Als zweiter Faktor für die Prävention ergibt sich die Aktivierung der Blutzirkulation durch Bewegung an frischer Luft als Quelle für Qi.

Die bei der Alzheimer-Demenz als Begleitsymptome auftretenden Depressionen, Aggression und Reizbarkeit sprechen zum einen für eine Mitbeteiligung der Leber, Leber-Qi-Stagnation oder hochschlagendes Leber-Yang. Zum anderen können diese Symptome auch zur „Schleim-Hitze im Herzen“ gerechnet werden. Da das Herz das Bewusstsein (shen神) speichert, muss innerhalb der Therapie jeder Art von Demenz auch das Herz angesprochen und gestärkt werden, insbesondere das Herz-Blut. Die generellen Verlangsamungen sprechen für Stagnationen oder Mangel and Qi, die Unruhe für einen Mangel an Yin.

Die Gewichtung sieht bei den unterschiedlichen Formen der Demenz prinzipiell etwas unterschiedlich aus: Für alle Arten der Demenz ist zunächst die Aktivierung der Blut- und Qi-Zirkulation essentiell. Bei der Altersdemenz steht das Nähren der Nieren-Essenz sowie die Stärkung des Nieren-Qi im Vordergrund, daneben das Nähren von Milz und Herz. Bei der Alzheimer-Demenz liegt hingegen der Fokus auf dem Thema „Schleim“.

Die unbefriedigenden Ergebnisse der Therapien der Schulmedizin im Bereich der Demenz haben viele Forscher in Asien in jüngerer Zeit dazu veranlasst, bei der Therapie der Demenz verstärkt auf den Einsatz von chinesischen Phytotherapeutika zu setzen und auch randomisierte Studien zum Thema Demenz in der chinesischen Medizin auf den Weg zu bringen. Die Untersuchungen beziehen sich sowohl auf Einzeldrogen als auch auf Standardrezepturen, insbesondere das Qi fu Yin 七福饮von Zhang Jiebin. Er wählte die Zusammensetzung zur „Stärkung des Nieren-Wassers und des Yin gegen aufloderndes Feuer“. Das Qi fu Yin besteht aus sieben Ingredienzien, nämlich Panax Ginseng (renshen), Rehmanniae glutinosae Rad. viride (shengdi huang), Angelicae sinensis Rad. (danggui), Glycyrrhizae Rad. (gancao), Atractylodis macro. Rhiz. (baizhu), Polygala Rad. (yuanzhi) und Ziziphi spinosae Semen (suanzaoren). Sie erfüllen die oben genannten Kriterien, nämlich das Qi zu stärken, Yin zu nähren, die Blutzirkulation zu aktivieren, Schleim zu wandeln und das Herz zu stärken. Eine Studie mit 697 Patienten zeigte eine klare Verbesserung der Lernkapazität und des Gedächtnisses bei Alzheimer und vaskulärer Demenz. Außerdem gibt es einen gewissen synergistischen Effekt mit Präparaten aus der Schulmedizin. Das Qi Fu Yin hat zudem einen neuroprotektiven Effekt, wertvoll als Prävention. Als Beispiel für eine Einzeldroge, die als Antidemenz-Mittel auf dem Prüfstand steht, sei die Gastrodiae Rhizoma (tianma天麻) genannt. Sie wird bereits seit langem für die Therapie von Schwindel, Lähmungen, Epilepsie und Hypertonie eingesetzt. In verschiedenen Studien hat sie sich als neuroprotektiv und mobilisierend auf das cerebrocardiovaskuläre System erwiesen. Ihr Einsatzgebiet erstreckt sich heute auch auf vaskuläre und die Alzheimer-Demenz.

Fazit

Die chinesische Phytotherapie scheint eine sinnvolle Ergänzung zur schulmedizinischen Medikation innerhalb der Demenzbehandlung zu sein. Es gibt vielversprechende Ansätze für die Anwendung chinesischer Kräuter in der Demenz-Therapie. Allerdings bedarf es weiterer Studien zu Einzeldrogen oder experimentellen Drogenrezepturen, um definitive Aussagen zur Wirksamkeit der Drogen machen zu können. Insbesondere von Interesse ist die Frage, inwieweit eine Typenunterscheidung, etwa nach Stadien, die Effektivität erhöht oder eine Kombination mit Akupunktur sinnvoll ist. Eine weitere Option könnte die Integration der Ohrakupunktur, speziell der Implantat-Akupunktur, sein, bei der über die Ohrmuschel ein direkter Zugang zum zentralen Nervensystem erreicht wird und Implantate einen Dauerreiz auslösen.

Der alternative Weg über die chinesische Medizin scheint insofern interessant, als über eine Reduzierung der nebenwirkungsreichen Pharmaka eine Entlastung der Organe Niere und Leber als Ausscheidungsorgane erzielt und eine Unterstützung der Organfunktionen zur verbesserten Entgiftung erzielt werden kann.

 

Literaturempfehlungen:

Zhang Jiebin (1996). Jingyue quanshu. Shanghai: Shanghai kexue jishu chubanshe

Lei Wang et. al (2021), „Is Qi Fu Yin effective in clinical treatment of dementia? A meta-analysis of 697 patients”, Medicine Journal. 100.5: 1-11

Yong Wang (2020), “ Gastrodia elata Blume (Tianma): Hope for Brain Aging and Dementia, Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine, vol. 2020, ID 8870148

(Angaben basieren auf dem Vortrag sowie dem Vortragsmanuskript von Andrea-Mercedes Riegel)

 

Die Veranstaltung fand online als Teams-Livestream statt.

Andrea Mercedes Riegel schloss an ein Sprachenstudium ein Studium der Sinologie, Germanistik und Medizingeschichte an. Sie spezialisierte sich auf klassische chinesische Medizin, studierte 1989-1991 chinesische Medizin an einer privaten Fachschule in Taiwan. Auf die Promotion 1999 in Sinologie folgte 2010 die zweite in theoretischer Medizin. Sie arbeitet als Heilpraktikerin seit 1999 in eigener Praxis Praxis für klassische chinesische Medizin in Oftersheim bei Heidelberg und gibt regelmäßig im Rahmen ihrer Vorträge exklusive Einblicke in die chinesische Naturheilkunde. Fachpublikationen, Übersetzungen klassischer medizinischer Texte aus dem Chinesischen in europäische Sprachen sowie Lehrtätigkeit sind weitere Betätigungsfelder.

 

Hier finden Sie die Präsentationsfolien des Vortrags:

20210624_CM und Demenz

Heidelberger Literaturtage 2021: Jiang Fangzhou – Eine neue literarische Stimme aus China

„A walk with the only man who knows why the stars shine” und andere Kurzgeschichten

Was macht es mit uns, wenn sich die Welt plötzlich verändert? In ihrem neuesten Kurzgeschichten-Band, den sie während der Corona-Pandemie fertigstellte, lässt die chinesische Autorin Jiang Fangzhou ihre Figuren wie Satelliten durch unbekannte Welten schweben, immer auf der Suche nach Halt und nach einer Verbindung zu anderen.

Nicht nur in ihren Kurzgeschichten, sondern auch in ihren oftmals autobiographisch gefärbten Texten, thematisiert die 31-jährige Autorin Jiang Fangzhou das Leben junger Frauen in den chinesischen Metropolen, ihr Ringen mit gesellschaftlichen Konventionen und den Wunsch nach Individualität. Jiang gilt als Sprachrohr einer Generation, deren Aufwachsen von rasanten Modernisierungsprozessen im urbanen China geprägt wurde und die sich nach der Anerkennung alternativer Lebensentwürfe sehnt. Doch nicht nur als Schriftstellerin, auch als Redakteurin und Talkshow-Gast zeigt sie sich als genaue Beobachterin, die auch unbequemen Fragen nicht aus dem Weg geht. Im Oktober 2020 erschien ihr neuester Kurzgeschichten-Band, in dem sie sich erstmals der spekulativen Literatur zuwendet. Jiang schickt ihre Protagonisten darin in ferne Universen, Daten und Orte werden bewusst vage gehalten. In einem Gespräch mit der Autorin nähern wir uns dem „Phänomen Jiang Fangzhou“ und einer, für uns, noch neuen literarischen Stimme aus China.

Die Veranstaltung findet als „Hybrid-Event“ im Theatersaal des Augustinums, Jaspersstraße 2, 69126 Heidelberg, statt und kann gleichzeitig über einen Live-Stream verfolgt werden. Der Eintritt ist frei.

Der Saal fasst unter aktuellen Corona-Bedingungen 100 Personen. Bitte beachten Sie das Sicherheits- und Hygienekonzept des Festivals: https://heidelberger-literaturtage.de/sicherheits-und-hygienekonzept/

Tickets erhalten Sie unter: https://heidelberger-literaturtage.de/ticket-shop/

Der Live-Stream ist abzurufen unter: https://heidelberger-literaturtage.de/live-stream/

Weitere Informationen erhalten Sie auf der Webseite des Festivals unter https://heidelberger-literaturtage.de/

Jiang Fangzhou, 1989 in der VR China geboren, begann bereits mit 7 Jahren mit dem Schreiben. Sie absolvierte ein Studium an der Tsinghua Universität in Peking, wo der Gegenwartsautor Yan Lianke auf sie aufmerksam wurde. Jiangs Prosa erfreut sich einer großen Fangemeinde. Scharfsinnig analysiert sie darin die Lebenssituation der sogenannten „Post-90er“ Generation in China und hinterfragt gängige gesellschaftliche Vorstellungen. Ihre Kurzgeschichte „Der Regenmacher“ erschien in der Anthologie „Stadtleben: 8 Frauen, 8 Geschichten“ (2018). Im Herbst 2020 erschien ihre Kurzgeschichtensammlung „A walk with the only man who knows why the stars shine“. Aktuell lebt und arbeitet Jiang in Peking.

Lesung: Johanna Withalm

ChinaCool: Chinesische Schlagworte im Internet

Wir haben uns sehr gefreut, am 10. Juni 2021 Zhu Shu als Referentin für ChinaCool begrüßen zu dürfen! In ihrem Vortrag stellte sie uns insgesamt zehn Ausdrücke der chinesischen Internetsprache vor. Hier sind nochmal die Ausdrücke mit einer kurzen Erklärung, für alle, die den Vortrag verpasst haben:

佛系 “Buddha-Stil”: Der “Buddha-Stil” beschreibt eine Lebenseinstellung frei von Bedürfnissen. Man vermeidet Streit, hofft auf ein harmonisches Leben und ergibt sich einfach seinem Schicksal. Mit dem Ausdruck ist auch eine gewisse Selbstironie verbunden: Da die Jugend ihre Ziele nicht erreichen kann, reduzieren sie einfach ihre Erwartungen.

巨婴 “Riesenbaby”: Erwachsene, die sich wie Babys verhalten. Sie sind egoistisch und haben kein Regelbewusstsein.

杠精 “Troll”: Bei diesem Ausdruck wird 杠 als “argumentieren” und 精 als “Elf” verstanden. Er beschreibt Personen, denen es nur ums Argumentieren geht, nicht um Recht/Unrecht oder Wahrheit. In der deutschen und englischen Internetsprache werden solche Personen “Troll” genannt.

996工作制 “Das 996-System”: Arbeiten von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, sechs Tage die Woche. Dieser Ausdruck wird häufig mit der Arbeit in High-Tech- oder Internetunternehmen in Verbindung gebracht.

我太难/南了”Es fällt mir zu schwer”: Der Ausdruck stammt aus einem Video des Portals Kuaishou 快手 und drückt ein Verlangen aus, Druck abbauen zu wollen. “Süden” und “schwer” sind im Chinesischen Homophone, deshalb werden spaßeshalber oft Bilder des “Südwind” im Mahjong genommen, um diesen Ausdruck bildlich darzustellen – “Es fällt mir südlich” sozusagen.

我不要你觉得,我要我觉得 “Was du denkst ist mir nicht wichtig, mich kümmert nur das, was ich denke”: Ursprünglich stammt der Ausdruck von Huang Xiaoming 黄晓明, einem Guest-Host der chinesischen Reality-Sendung “Chinese Restaurant”. In der Sendung war er als egozentrischer Chef bekannt, der sich nicht um die Meinungen anderer kümmerte. Der Ausdruck spiegelt nun den Widerwillen gegen solche herrschsüchtigen Personen wider.

上头 “Zu Kopf steigen”: Der Ausdruck stammt ursprünglich aus dem Videospiel Dota. Man kann mit ihm Impulsivität, Überraschung, Aufregung und andere Gefühle dieser Art ausdrücken.

柠檬精 “Zitronenelfen”: Dieser Ausdruck beschreibt neidische Menschen, der saure Geschmack einer Zitrone soll hier das saure Gefühl im Herzen, welches durch Eifersucht hervorgerufen wird, darstellen. Im Deutschen ist das vergleichbar mit “grün oder gelb vor Neid sein”. In letzter Zeit ist die negative Konnotation des Ausdrucks schwächer geworden und er kann auch selbstironisch verwendet werden.

内卷 “Rückbildung/Involution”: Dieser Begriff stammt ursprünglich aus der Soziologie und beschreibt dort eine Rückentwicklung oder einen Verfall im sozialen oder gesellschaftlichen System. In der Internetsprache wird der Begriff verwendet um starke Konkurrenz oder irrationalen Wettbewerb auszudrücken.

打工人 “Arbeiter”: Eigentlich wurde dieser Ausdruck für befristete, oft körperliche Arbeit verwendet. Heutzutage ist der Anwendungsbereich erweitert. So kann man sich beispielsweise auch als 打工人 bezeichnen, wenn man in einem Büro arbeitet.

Decoding China: Ein Begriff, unterschiedliche Bedeutungen

Zentrale Begriffe der internationalen Beziehungen, wie Kooperation, Demokratie, Menschenrechte oder Multilateralismus, finden sich gleichermaßen in europäischen und chinesischen Diskursen. Doch hinter denselben Wörtern verbergen sich in Europa und China oft sehr unterschiedliche Konzepte. Eine informierte Auseinandersetzung mit China setzt voraus, dass europäische Akteur:innen in der Lage sind, die Bedeutung dieser Begriffe in der chinesischen Politik und Gesellschaft verstehen. Katja Drinhausen und Marina Rudyak haben das Decoding China Dictionary mitentwickelt, das in 14 kurzen Beiträgen zentrale Unterschiede für Kernbegriffe der internationalen Beziehungen erklärt. Das Online-Nachschlagewerk richtet sich sowohl an europäische Akteur:innen als Referenz für Strategieentwicklung und Kommunikation, als auch an die interessierte Öffentlichkeit. Die Autorinnen werden im Vortrag einzelne Begriffe vorstellen.

Das Decoding China Dictionary ist online verfügbar unter: https://decodingchina.eu/

Die Veranstaltung findet online über die Plattform Zoom statt. Eine Anmeldung ist nicht notwendig. Zugang zur Veranstaltung erhalten Sie hier:

Katja Drinhausen ist Senior Analyst am Mercator Institute for China Studies (MERICS). In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der Entwicklung von Chinas Rechtssystem, Regierungsführung und politischer Kommunikation. Sie koordiniert zudem die Forschung des Bereichs Innenpolitik und Gesellschaft am MERICS. Katja Drinhausen studierte Sinologie, internationales und chinesisches Recht und arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektmanagerin in Peking. Gemeinsam mit anderen Chinawissenschaftler:innen hat sie das Decoding China Dictionary verfasst.


Marina Rudyak ist Sinologin und an der Schnittstelle zwischen Chinawissenschaften und internationaler Entwicklungszusammenarbeit tätig. Sie ist Postdoc am Centrum für Asienwissenschaften und Transkulturelle Studien (CATS) der Universität Heidelberg. Ihre im April 2020 abgeschlossene Dissertation beschäftigt sich mit der Formierung der chinesischen Entwicklungshilfepolitik und Chinas Rolle als globaler Entwicklungsakteur. Neben ihrer akademischen Tätigkeit leistet sie wissenschaftliche Politikberatung für Entwicklungsorganisationen und NGOs zu Fragen von Chinas internationaler Entwicklungspolitik.

Chinesische Medizin und Kopfschmerzen (Migräne)

Am 20. Mai 2021 ging es im Vortrag von Andrea Mercedes Riegel in der Reihe „Chinesische Medizin“, die in Kooperation mit der Akademie für Ältere stattfand über das Thema „Chinesische Medizin und Kopfschmerzen“.

Von Migräne sind rund 10% der Bevölkerung betroffen- Tendenz steigend. Migräne ist eng mit der modernen Lebensweise und veränderten Umweltbedingungen verbunden wie Stress, Fehlernährung, Schichtarbeit (gestörter Biorhythmus), Schlafmangel oder empfindliche Reaktionen auf Wetterkapriolen sowie Umweltgifte. Hinzu kommt die genetische Disposition. Der Migräneanfall kündigt sich häufig mit Symptomen wie Müdigkeit, Geräuschempfindlichkeit, Magen-Darm-Störungen oder Heißhunger auf bestimmte Lebensmittel an. Nur in 15-20% der Fälle folgt eine Auraphase z. B. mit Blickfeldveränderungen oder wanderndem Kribbeln durch verschiedene Finger. Die eigentliche Kopfschmerzphase zeigt sich in meist halbseitigen Kopfschmerzen in den Bereichen Stirn, Schläfe und Auge, meist mit pulsierend pochendem oder stark zusammenziehendem Schmerz. Typische Begleitsymptome sind Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit.

In der Schulmedizin geht man von der Freisetzung entzündungsvermittelnder Botenstoffe, der Hypererregbarkeit von Hirnrinde und Okzipitallappen oder auch der Erweiterung kranialer Blutgefäße beim Migräneanfall aus. Behandelt wird meist mit Triptanen.

Bereits in den 1990er Jahren wurde alternativ zu rein schmerzlindernden Medikamenten Akupunktur eingesetzt. Studien zeigten, dass durch die Anwendung von Akupunktur bei Migräne statistisch gesehen die Anfallshäufigkeit und Heftigkeit deutlich reduziert werden können. In China liegt das Hauptgewicht generell meist auf der Kräutertherapie, insbesondere bei chronischen und inneren Störungen. Daher kommt es häufig zu einer Kombination aus Akupunktur und Kräutertherapie. Migräne (pian toutong 偏头痛) ist wie jede Art von Schmerz zunächst generell mit Disharmonien verknüpft: Disharmonien im Fluss von Qi und Blut, Disharmonien im Zusammenspiel der inneren Organe oder im Qi-Fluss in den Leitbahnen.

Grundtypen der Migräne

Die Grundtypen der Migräne lassen sich in Fülle- und Leeretypen unterscheiden: Leere: Qi- und Blutleere; Nierenleere Milz-Qi-Leere mit Schleimstagnation

Fülle: Qi- und Blutstase; Leber-Qi-Stagnation (→ evtl. mit Schleimbildung); Hochschlagendes Leber-Yang

Für die Behandlung wichtig ist zum einen die Feststellung des Typus, weiter die Feststellung des Manifestationsortes der Migräne sowie die Kenntnis eventueller pathogener Faktoren (s.o.)

Manifestationsorte für die Migräne sind vornehmlich die Leitbahnen: Shaoyang , Taiyang (Blase und Dünndarm), Yangming (Magen-Dickdarm).

Der Therapeut (Therapeutin) unterscheidet zwischen verschiedenen Schmerzqualitäten wie z. B. dumpfer, drückender Schmerz, stechender, die Seiten wechsender Schmerz und mithilfe der genauen Schmerzlokalisation kommt er/ sie zur Einordnung der jeweiligen Migräne aufgrund der die entsprechende Therapieform angewendet wird. Es gibt ein ganzes Bündel an Kräutern, das zum Einsatz kommen kann, je nach Migräneart, wie Paeoniae albae Radix, Moudan cortex, Salviae miltiorrhizae Radix, Achyranthis bidentatae Radix, Lycii Fructus, Ziziphi spinosae Semen, Concha ostrae, Chrysanthemi Flos um nur einige zu nennen.

Beispielsweise weisen ein starker dumpfer Druck im gesamten Kopf oder auf einer Seite, Schweregefühl des Kopfes und das Gefühl, in einem Schraubstock gefangen zu sein mit Begleitsymptomen wie Völle, Übelkeit, Erbrechen, Schwindelgefühl, innere Unruhe auf eine Ursache der Milz-Qi-Leere hin: Fehlernährung, Übergriff von Holz (Leber/Galle) auf die Milz oder Kälte in der Niere und dadurch verminderte Milz-Funktion. Hier kann die Phytotherapie besonders gut regulierend eingreifen.

Als Unterstützung für alle Typen haben sich Dauernadeln oder Akupunkturimplantate bewährt. Unterstützend empfiehlt sich der Verzicht auf „Schleimbildner“ (z.B. Milch, Bananen, Weizenmehl, Briekäse, Wurst) und thermisch kalte Lebensmittel.

Fazit

Es hat sich in der klinischen Praxis bereits mehrfach gezeigt, dass eine kombinierte Behandlung der Migräne über Akupunktur und Kräutertherapie mit dem Hauptgewicht auf die Kräuter eine gute Option ist und durchaus ein Mittel, die Migräne tatsächlich nicht nur zu lindern, sondern auch auszuheilen.

Andrea Mercedes Riegel schloss an ein Sprachenstudium ein Studium der Sinologie, Germanistik und Medizingeschichte an. Sie spezialisierte sich auf klassische chinesische Medizin, studierte 1989-1991 chinesische Medizin an einer privaten Fachschule in Taiwan. Auf die Promotion 1999 in Sinologie folgte 2010 die zweite in theoretischer Medizin. Sie arbeitet seit 1999 in eigener Praxis, Fachpublikationen, Übersetzungen klassischer medizinischer Texte aus dem Chinesischen in europäische Sprachen sowie Lehrtätigkeit sind weitere Betätigungsfelder.

(Angaben basieren auf dem Vortrag sowie dem Vortragsmanuskript von Andrea-Mercedes Riegel)

Hier finden Sie die Präsentationsfolien des Vortrags: 20210520_CM und Kopfschmerzen