ChinaCool: Chinesische Schlagworte im Internet

Wir haben uns sehr gefreut, am 10. Juni 2021 Zhu Shu als Referentin für ChinaCool begrüßen zu dürfen! In ihrem Vortrag stellte sie uns insgesamt zehn Ausdrücke der chinesischen Internetsprache vor. Hier sind nochmal die Ausdrücke mit einer kurzen Erklärung, für alle, die den Vortrag verpasst haben:

佛系 “Buddha-Stil”: Der “Buddha-Stil” beschreibt eine Lebenseinstellung frei von Bedürfnissen. Man vermeidet Streit, hofft auf ein harmonisches Leben und ergibt sich einfach seinem Schicksal. Mit dem Ausdruck ist auch eine gewisse Selbstironie verbunden: Da die Jugend ihre Ziele nicht erreichen kann, reduzieren sie einfach ihre Erwartungen.

巨婴 “Riesenbaby”: Erwachsene, die sich wie Babys verhalten. Sie sind egoistisch und haben kein Regelbewusstsein.

杠精 “Troll”: Bei diesem Ausdruck wird 杠 als “argumentieren” und 精 als “Elf” verstanden. Er beschreibt Personen, denen es nur ums Argumentieren geht, nicht um Recht/Unrecht oder Wahrheit. In der deutschen und englischen Internetsprache werden solche Personen “Troll” genannt.

996工作制 “Das 996-System”: Arbeiten von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, sechs Tage die Woche. Dieser Ausdruck wird häufig mit der Arbeit in High-Tech- oder Internetunternehmen in Verbindung gebracht.

我太难/南了”Es fällt mir zu schwer”: Der Ausdruck stammt aus einem Video des Portals Kuaishou 快手 und drückt ein Verlangen aus, Druck abbauen zu wollen. “Süden” und “schwer” sind im Chinesischen Homophone, deshalb werden spaßeshalber oft Bilder des “Südwind” im Mahjong genommen, um diesen Ausdruck bildlich darzustellen – “Es fällt mir südlich” sozusagen.

我不要你觉得,我要我觉得 “Was du denkst ist mir nicht wichtig, mich kümmert nur das, was ich denke”: Ursprünglich stammt der Ausdruck von Huang Xiaoming 黄晓明, einem Guest-Host der chinesischen Reality-Sendung “Chinese Restaurant”. In der Sendung war er als egozentrischer Chef bekannt, der sich nicht um die Meinungen anderer kümmerte. Der Ausdruck spiegelt nun den Widerwillen gegen solche herrschsüchtigen Personen wider.

上头 “Zu Kopf steigen”: Der Ausdruck stammt ursprünglich aus dem Videospiel Dota. Man kann mit ihm Impulsivität, Überraschung, Aufregung und andere Gefühle dieser Art ausdrücken.

柠檬精 “Zitronenelfen”: Dieser Ausdruck beschreibt neidische Menschen, der saure Geschmack einer Zitrone soll hier das saure Gefühl im Herzen, welches durch Eifersucht hervorgerufen wird, darstellen. Im Deutschen ist das vergleichbar mit “grün oder gelb vor Neid sein”. In letzter Zeit ist die negative Konnotation des Ausdrucks schwächer geworden und er kann auch selbstironisch verwendet werden.

内卷 “Rückbildung/Involution”: Dieser Begriff stammt ursprünglich aus der Soziologie und beschreibt dort eine Rückentwicklung oder einen Verfall im sozialen oder gesellschaftlichen System. In der Internetsprache wird der Begriff verwendet um starke Konkurrenz oder irrationalen Wettbewerb auszudrücken.

打工人 “Arbeiter”: Eigentlich wurde dieser Ausdruck für befristete, oft körperliche Arbeit verwendet. Heutzutage ist der Anwendungsbereich erweitert. So kann man sich beispielsweise auch als 打工人 bezeichnen, wenn man in einem Büro arbeitet.

ChinaCool: Schulleben in China

Wir haben uns sehr gefreut, dass wir am 12. Mai Anna Hersener als Referentin bei ChinaCool-Online begrüßen konnten! Anna Hersener hat an der Universität Heidelberg Rechtswissenschaft studiert und gerade mit dem Referendariat am Landgericht Mosbach begonnen. Seit der sechsten Klasse lernt sie schon Chinesisch und hat 2012/13 ein Auslandsjahr in Shenzhen, China verbracht, bei einer chinesischen Gastfamilie gewohnt und ist dort zur Schule gegangen. Dieser Austausch war das Thema ihres Vortrags.

Nach einer kurzen Einführung in das chinesische Schulsystem im Allgemeinen berichtete Anna zuerst von ihrem Schulalltag in China. In Shenzhen hat sie die zehnte Klasse der Shenzhen Middle School besucht, die beste Schule der Stadt. An der Schule gibt es zwei Systeme mit jeweils unterschiedlichen Abschlüssen für die Schüler. Zum einen kann man dort auf die chinesische Schulabschlussprüfung (高考 gaokao) hinarbeiten. Zum anderen gab es einen internationalen Teil mit dem Ziel, am Ende die amerikanische Hochschulzulassungsprüfungen, die SATs, zu bestehen.

Anna besuchte den chinesischen Teil, was anfangs natürlich schwieriger war, sich aber als sehr förderlich für ihre Chinesischkenntnisse herausgestellt hat. Ein Schultag begann um 7.30 mit einer halben Stunde vorlesen. Danach hatte sie bis zur Mittagspause um 12.00 Uhr Unterricht. Um 14.00 Uhr ging es dann mit drei Stunden Unterricht weiter. Danach war Annas Schultag auch schon vorbei. Ihre chinesischen Mitschüler hatten allerdings dann allerdings erst noch eine Pause bis es von 19.00 – 21.30 Uhr hieß: Selbststudium.

Annas Verhältnis zu ihren Mitschülern war sehr gut. Als einzige Austauschschülerin und als einziges blondes Mädchen auf dem Campus war sie schon eine kleine Attraktion. Viele gingen interessiert auf sie zu, einige sahen dies auch als gute Gelegenheit, ihr Englisch an Anna auszuprobieren. Auf der anderen Seite gab es auch einige, die etwas neidisch waren. Als Austauschschülerin war Anna nicht dem Leistungsdruck ausgesetzt, mit dem sich ihre Mitschüler konfrontiert sahen.

Der Unterricht war vor allem anfangs für Anna sehr schwierig, vor allem wegen der Sprachbarriere. Das erste Halbjahr hat sie deshalb vor allem genutzt, um möglichst viel Chinesisch zu lernen, damit sie im Unterricht gut mitkommt. Ihre Lehrer haben auch Rücksicht auf sie genommen und versucht, sie so gut es geht einzubinden. Ein Lichtblick in Annas Schulalltag war der Englischunterricht, da sie hier sehr gut mitkam und den Lehrer teilweise sogar unterstützen konnte. Ihre Schule bot auch eine Deutsch-AG an, bei der sie auch teilweise mitmachte.

Alles in allem war ihr Austauschjahr in Shenzhen eine tolle Erfahrung für Anna. Sie hat dort nicht nur ihre Chinesischkenntnisse verbessern und eine fremde Kultur aus der Nähe kennenlernen können, sondern auch ein “zweites Zuhause” gefunden. Sie freut sich über jede Gelegenheit, die sie wieder nach China bringt und war seitdem auch öfter wieder dort. Auch zu ihrer alten Gastfamilie hat sie noch regelmäßig Kontakt.

ChinaCool: Als Au-Pair in China

Am 11. März 2021 fand wieder einmal eine Online-Ausgabe unserer Reihe „ChinaCool“ statt. Dieses Mal begrüßten wir Elisabeth Dux als Referentin. Sie promoviert in Rechtsgeschichte an der Juristischen Fakultät der Universität Heidelberg und war vor ihrem Studium ein Jahr als Au-Pair in Guangzhou in China tätig. Ihre Erfahrungen, die sie in diesem Jahr gemacht hat, waren das Thema ihres Vortrags.

Bevor man als Au-Pair nach China kann bedarf es natürlich an viel Vorbereitung. Zuerst muss man eine Agentur finden, welche überhaupt Au-Pairs nach China vermittelt, da China hier eher nicht das typische Zielland für eine Au-Pair-Tätigkeit ist. Dazu kommen noch Workshops zur Vorbereitung, bei Elisabeths Agentur waren diese in Hamburg. Auch ein Online-Kennenlernen mit der potentiellen Gastfamilie gehört dazu. Sobald dann auch noch das Visum und der Flug geklärt waren, ging es endlich nach China.

Am Ende landete Elisabeth bei einer recht wohlhabenden Familie in Guangzhou mit insgesamt drei Kindern. Ihre Hauptaufgabe war es, mit diesen Englisch und Französisch zu üben. Untergebracht war sie für diese Zeit in der Gated Community ihrer Gastfamilie, allerdings nicht direkt in deren Wohnung. Ihr Alltag war sehr abwechslungsreich. Oft hat sie mit den Kindern gespielt oder Bücher gelesen, manchmal auch ihre Gastmutter zum Einkaufen begleitet.

Neben ihren Aufgaben bei der Gastfamilie wurden auch Aktivitäten von der in Guangzhou für sie zuständigen Au-Pair-Agentur organisiert. Dort besuchte Elisabeth mit den anderen Au-Pairs einen Sprachkurs. Daneben gab es auch noch Ausflüge oder kleinere Events wie etwa gemeinsames Kochen.

Ausflüge machte Elisabeth auch mit ihrer Gastfamilie, die sie auch auf Reisen begleiten durfte. So hatte sie die Gelegenheit, viele Orte in China kennenzulernen. Beispielsweise waren sie manchmal im Geburtsort ihrer Gastfamilie, wo die ländliche Umgebung einen starken Kontrast zum Alltag in der Metropole bot. Auch ein Skiurlaub im Norden Chinas war eine besondere Erfahrung. Eine der Reisen brachte sie sogar zurück nach Europa: nach Frankreich!

Insgesamt fand Elisabeth ihre Erfahrung als Au-Pair in China sehr schön. Kulturschock und Heimweh blieben zwar nicht aus, aber es war doch eine einmalige Gelegenheit zum Kennenlernen Chinas und seiner Kultur. Ihre Erfahrungen lehrten sie außerdem Toleranz und Durchhaltevermögen.

ChinaCool: Studieren auf Chinesisch

Wir haben uns sehr gefreut, für unseren ChinaCool-Vortrag im April Jakob Erlei, der uns von seinem Bachelor-Studium in China erzählt hat, als Referenten begrüßen zu dürfen! Nach seinem Abitur und einem Jahr Zivildienst ging es für Jakob auch schon direkt nach China. Zuerst besuchte er für ein Jahr einen Sprachkurs an der Tongji-Universität in Shanghai, bevor er schlussendlich seinen Bachelor an der Shanghai International Studies University begann.

Die Entscheidung für die Tongji-Universität geschah aus pragmatischen Gründen: Da Jakob sich recht kurzfristig dazu entschlossen hatte, nach China zu gehen, war bei ihr als einzige Universität noch das Anmeldeverfahren für Sprachkurse offen. Damals erfolgte die Anmeldung noch per Post. Per Post bekam Jakob dann auch einige Unterlagen zurück, unter anderem auch eine ausgedruckte Karte von Shanghai, die ihn bei seiner ersten Ankunft dort unterstützen sollte.

An der Tongji-Universität gab es verschiedene Sprachkurse. Im ersten Semester war Jakob im Non-Degree Programme, welches sich vorrangig an Expats oder Stipendiaten richtet. In diesen Kursen, die halbtags stattfanden, kam er aber vom Gefühl her eher schleppend voran. Nach einigen Gesprächen und Verhandlungen mit den Lehrern wurde ihm dann erlaubt, im zweiten Semester in das Bachelorprogramm für Chinesisch zu wechseln. Dort konnte er dann schnell große Fortschritte machen. Auch in seinem Alltag hatte er viele Möglichkeiten, Chinesisch zu üben. In seiner WG lebte er mit ein paar Chinesen zusammen, die zudem kein Englisch sprachen. Die Tatsache, dass viele Leute an der Tongji-Universität Deutsch lernen, half auch sehr bei der Suche nach Tandempartnern. Im Laufe seines Chinesischkurses kam ihm dann die Idee, einen ganzen Bachelor in China zu machen.

So entschied er sich für den Studiengang „International Public Relations“ an der Shanghai International Studies University. Der Campus befindet sich in Songjiang, etwas weiter entfernt vom Stadtzentrum Shanghais.

Als Bachelorstudent in einem regulären chinesischen Bachelorstudiengang wurde er bis auf wenige Ausnahmen komplett gleich wie seine chinesischen Kommilitonen behandelt. Ausnahmen waren das Militärtraining und der Sozialismus-Unterricht, die man normalerweise absolvieren muss, an denen er nicht teilnehmen musste. Auch einen Platz im chinesischen Wohnheim konnte er nicht bekommen und hat deshalb außerhalb der Universität eine Wohnung gemietet. Sonst war der Uni-Alltag gleich. Wie seine Kommilitonen musste Jakob bestimmte zusätzliche Fächer absolvieren, darunter vier Semester Sportunterricht und ein Semester chinesische Literatur. Teilweise durfte er in seinen Klausuren und Abschlussarbeiten Englisch benutzen, aber das kam auf die jeweiligen Lehrkräfte an.

Schlussendlich konnte Jakob seinen Bachelor in Shanghai erfolgreich abschließen. Natürlich war nicht immer alles ganz einfach, wie man es bei so einem langen Auslandsaufenthalt auch erwarten kann. Insgesamt überwiegen für ihn aber die guten Aspekte dieser Erfahrung. Vor allem der einmalige Einblick in Kultur und Alltag in China sticht als größter Vorteil heraus. Und nebenbei kann man natürlich auch sehr gut Chinesisch lernen.

Chinas digitale „Convenience Society“

Am 12.03.2021 fand in Kooperation mit den Konfuzius-Instituten in München, Düsseldorf und Hamburg ein Online-Vortrag mit Dr. Hannes Jedeck, Sprachbereichskoordinator des Konfuzius-Instituts in Heidelberg, statt. Im Zentrum stand die sogenannte „digitale Convenience Society“ in China, einer Begleiterscheinung der schnellen, digitalen Transformation der chinesischen Kultur und Gesellschaft. Diese bietet ihren Mitgliedern die unterschiedlichsten Dienstleistungen über Smartphone-Apps an und verspricht eine schnelle Verfügbarkeit sowie ein besonders bequemes Verfahren der Abwicklung. So können unterschiedliche Lebensbereiche des Alltags – Konsum, Kommunikation, Mobilität und Finanzierung – möglichst angenehm und bequem bzw. „convenient“ organisiert werden. Doch wie „convenient“ (fangbian 方便) ist die digitalgesteuerte Lebenswelt tatsächlich? Wer profitiert von einer wachsenden Bedeutung von mobiler Datentechnik? Inwieweit ist der chinesische Staat als Steuerungs- und Kontrollorgan beteiligt? Welche Schattenseiten hat eine solche netzabhängige Gesellschaft, die geprägt ist von einer umfassenden digitalen Mobilität? Und schließlich: Welche Aspekte könnten auch für die deutsche Gesellschaft nachahmenswert sein?

 

Diesen Fragen ging Hannes Jedeck während seines 45minütigen Vortrags nach. Er stellte zunächst „Convenience“ als Schlüsselbegriff und Ausgangspunkt seiner Überlegungen vor. So stellt die „digitale Convenience Society“ nicht nur eine praxis- und technikorientierte Gesellschaftsform dar, sondern vor allem auch einen Lebensstil. Konsum und Kommunikation werden zentral über ein handliches System gesteuert, Beziehungen und Netzwerke über Apps und QR-Codes aufgebaut und gepflegt. Anhand der beispielhaften und innovativen Veränderungen innerhalb des Chat-Dienstleistungs-Marktes zeigte Jedeck auf, wie technischer Fortschritt und eine besondere Offenheit der Smartphone-Nutzer*innen gegenüber den neuesten digitalen Entwicklungen den Weg Chinas zu einer Gesellschaft ebnete, die von ebenjener namensgebenden „Convenience“ geprägt ist. Umgekehrt reagierten Unternehmen, App-Entwickler und Start-ups unglaublich schnell auf Veränderungen des „Mind-Sets“ der jungen und auch älteren „Techies“ in China. Diese seien technischen Innovationen grundsätzlich offen gegenüber eingestellt, so Jedeck. Der schnelle Ausbau des Netzes im Zuge der „China 2025“ Informatisierungs- und Industrialisierungsbestrebungen sorgte schließlich für die Grundvoraussetzung einer reibungslosen Rundumversorgung über App-Dienste, wie sie beispielsweise WeChat anbietet, einem Paradebeispiel für eine nutzer*innenorientierte digitale Umsetzung des Convenience-Prinzips.

 

Als negative Faktoren nannte Hannes Jedeck die Schwierigkeit für Nutzer*innen, das digitale Ökosystem wieder zu verlassen, den unausgesprochenen Trade-off zwischen Annehmlichkeiten durch die Anbieter und der reziproken Preisgabe von Daten seitens der Anwender*innen, den Exklusionscharakter durch die notwendige Nutzung von immer wieder zu aktualisierender Hard- und Software sowie die daraus resultierende Verstärkung von Klassenunterschieden. Auch der Staat als Kontrollorgan wurde als politischer Preis der „digitalen Convenience Society“ aufgeführt, der über das Netz Wissen über seine Bürger*innen abschöpfen kann. Schließlich sei auch der ökologische Preis kein geringer, so Hannes Jedeck auf Rückfrage aus dem Publikum. Smartphones bestehen aus seltenen Rohstoffen, die unter schwierigen Arbeitsbedingungen geborgen werden und die nur schwer abbaubar sind. Für die Gewährleistung einer ständigen Verfügbarkeit der angebotenen Dienstleistungen und die für Verarbeitung des stets wachsenden Datenvolumens werden riesige Rechenzentren benötigt, die wiederum viel Energie benötigen. Selbst wenn die deutsche Gesellschaft vom Innovationsgeist chinesischer App-Entwickler*innen lernen kann und der technische Fortschritt in Krisensituationen wie z.B. unter Pandemiebedingungen durchaus von Nutzen für eine Gesellschaft im Lockdown ist, so scheint der Preis der „digitalen Convenience Society“ in Zeiten des Klimawandels und des zunehmend gläsernen Netizens doch ein sehr hoher, vielleicht sogar zu hoher zu sein.

Eine Aufzeichnung des Vortrags finden Sie hier.

Über den Referenten:

Dr. Hannes Jedeck versteht sich als Vermittler, Übersetzer und Dekodierer der chinesischen Gesellschaft und Kultur in verschiedenen Kontexten. Er ist Koordinator des Sprachprogramms des Konfuzius-Instituts an der Universität Heidelberg und Gründer der „Initiative für den bundesweiten Aufbau von Chinakompetenz“ (IBAC) mit dem Ziel, ein Netzwerk aus Chinaexperten aufzubauen und über aktuelle Themen mit Chinabezug in Deutschland zu informieren. Auf dem Blog „China.Digital“ berichtet er über seine Erfahrungen zum Thema Digitalisierung im Reich der Mitte. Während der Zeit seiner Dissertation an der Exzellenzuniversität Bonn war er Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes.

ChinaCool: Vom Übersetzen und seinen Tücken

Wir haben uns sehr gefreut, Johanna Bernatzky als Referentin für unseren ChinaCool Online-Vortrag im Februar begrüßen zu dürfen! Nach einer kurzen Einführung zu sich selbst und zu den Unterschieden zwischen Übersetzen und Dolmetschen begann sie auch gleich mit den drei „W“s in der Werkzeugkiste des Übersetzens: Wörter, Wissen und Wagemut.

 

Wörter:

Schon beim ersten „W“ der Werkzeugkiste zeigen sich viele Tücken des Übersetzens und Dolmetschens. Als gutes Beispiel eignen sich Sprichwörter. „Wenn man auf einem Tiger reitet ist es schwer, runterzukommen“ 骑虎难下 ist ein sehr bildlicher Ausdruck und für Deutsche auf Anhieb vielleicht nicht ganz einleuchtend. Auf der anderen Seite würde „Wer A sagt muss auch B sagen“, was von der Bedeutung her ähnlich ist, für Chinesen ebenso wenig Sinn ergeben. Bei anderen Sprichwörtern ist es dann etwas leichter (z.B. 倾盆大雨 „Regen wie aus umgeschütteten Kübeln“). Neben Sprichwörtern gibt es noch andere Tücken. Zum Beispiel wären da Eigennamen (默克尔 für Angela Merkel), tückische Wortkombinationen (半 „halb” 天 „Tag“ und 半天 „Eine lange Zeit“) oder auch regional unterschiedliche Ausdrücke (土豆 oder 马铃薯 für Kartoffel).

 

Wissen:

Neben der Sprache, die fürs Übersetzen natürlich maßgeblich ist, muss man sich auch noch einiges an Wissen aneignen. Zuerst ein Beispiel, das vielen Chinesischlernenden Kopfschmerzen bereitet: Das eigene Wort für die Zahl 10.000 万. Wenn man das Zählen in Tausenderschritten gewohnt ist, schleichen sich da schnell Fehler ein. Besonders beim Dolmetschen, welches schnelles Denken erfordert, kann sich dies als tückisch erweisen. Johanna hat für diese Fälle auf der letzten Seite ihres Notizblocks eine Tabelle mit den Umrechnungen. Der Notizblock ist eines der wichtigsten Werkzeuge für das Konsekutivdolmetschen. Hier macht man sich schnell Notizen des Gesagten, dass man beim Dolmetschen nichts vergisst. Zwar gibt es dafür auch in Lehrwerken vorgeschlagene Systeme, aber am Ende ist das Wichtigste, dass man selbst mit den eigenen Notizen zurecht kommt. So hat auch Johanna ihr eigenes System, welches Sie an einem Beispiel kurz zeigte.

 

Wagemut:

Alles beginnt mit dem Wagemut, eine Sprach überhaupt erst so gut zu lernen, dass man sie auch übersetzen oder dolmetschen kann. Man muss den Mut fassen, die Sicherheit des eigenen Landes zu verlassen und sich in dieses hybride Dasein zu begeben. Auf diesem Weg lernt man viel Unbekanntes, auch über sich selbst.

Sinologie in den Beruf digital mit Dr. Christian Straube

Am 01.12.2020 stellte Dr. Christian Straube, Programm-Manager im China-Programm der Stiftung Asienhaus, seinen Werdegang einem interessierten Publikum an Studierenden und AbsolventInnen des Instituts für Sinologie in Heidelberg vor. Der Vortrag war Teil der Reihe „Sinologie in den Beruf“ des Sinologie Heidelberg Alumni Netzwerkes (SHAN) e.V., das auch Kooperationspartner des Konfuzius-Instituts war.

Christian Straube war bereits in jungen Jahren, nämlich vier Jahre vor seinem Abitur, mit der Austauschorganisation AFS in Malaysia, und kam dort zum ersten Mal mit chinesischen Schriftzeichen in Kontakt. Während seines Austauschjahres erfuhr er jedoch nicht nur etwas über unterschiedliche Sprach- und Schriftsysteme, sondern auch über religiöse Praktiken und Migrationsprozesse innerhalb Asiens. Dies weckte das Interesse, sich tiefergehend mit Asien zu beschäftigen, genauer mit China, und so ging es nach dem Abitur zum Sinologie-Studium nach Heidelberg. Ein DAAD-Stipendium führte Christian Straube für ein Jahr nach Peking, an die Tsinghua-Universität, wo er seine Sprachkenntnisse vertiefen konnte; zwischendurch reiste er immer wieder gen Osten – nach China und nach Taiwan – unter anderem als Reisegruppenleiter. Neben Sinologie entschied er sich für Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften Südasiens in den Nebenfächern – eine sinnvolle Kombination, wie seine jetzige Tätigkeit zeigt.

Doch nicht nur der asiatische, auch der afrikanische Kontinent und die großen Infrastrukturprojekte Chinas in afrikanischen Ländern beschäftigten Christian Straube und führten ihn schließlich nach seinem Magisterabschluss in Heidelberg zu seinem Promotionsthema und zum Max Planck Institut für ethnologische Forschung in Halle. Dort wollte er ursprünglich eine ethnografische Studie zu Konflikten und Integrationsprozessen im Kontext chinesisch-sambischer Zusammenarbeit im Bergbau durchführen, musste jedoch aufgrund einiger Hürden in der Verwirklichung des Projekts von seinem Plan abrücken und konzentrierte sich schließlich auf die sozio-ökonomischen und räumlichen Dimensionen kolonialer Beständigkeit am Beispiel des Bergbau Township Mpatamatu in Luanshya.

Christian Straube berichtete, dass zahlreiche Faktoren mitbestimmten, für welche Branche er sich letzten Endes professionell entscheiden würde. Familie und Freunde mitzudenken sei genauso wichtig wie die inhaltliche Tätigkeit oder die Frage nach der Höhe des Gehaltes. Dass nicht nur eine Note auf einem Abschlusszeugnis entscheidend ist, ob man bei der Bewerbung erfolgreich ist, betonte Christian Straube während seines sehr persönlichen Vortrags. So erkannte er im Zuge der Bewerbungszeit nach erfolgreicher Promotion in Halle, wie wichtig das Netzwerk war, das er während seiner Forschungsjahre aufgebaut hatte.

Doch was genau bedeutet nun Dialogarbeit? Das China-Programm der Stiftung Asienhaus arbeitet eng mit chinesischen NGOs zusammen und bringt so Akteure beider Länder zusammen. Durch gemeinsame Projekte soll eine Vertrauensbasis geschaffen werden, die zulässt, von dem jeweiligen Gegenüber zu lernen und die jeweilige Methodenpraxis zu verstehen. Ziele der Arbeit sind kooperative Wissensbildung und der Gewinn neuer Erkenntnisse. Wie komplex es ist, Dialogarbeit mit China zu gestalten, zeigt die unterschiedliche Auffassung von „Zivilgesellschaft“ auf deutscher und chinesischer Seite. Auch erschweren neu verabschiedete Gesetze, die ausländische NGOs in China betreffen, die Dialogarbeit vor Ort.

Doch nicht nur die Dialogarbeit zählt zu Christian Straubes Aufgaben. Auch das Schreiben von Anträgen, um die Finanzierung des Arbeitsbereiches zu sichern, sowie entwicklungspolitische Bildungsarbeit, das Pflegen und Erweitern von Netzwerken, Lobby- und Advocacy-Arbeit, Buchhaltung und das Verfassen von Artikeln und Handreichungen bestimmen seinen Arbeitsalltag. Das Sinologie-Studium hat Christian Straube nach eigener Aussage u.a. darauf vorbereitet, sich in kurzer Zeit Informationen zu beschaffen, diese auszuwerten und zügig in Textform zu bringen. Auch seine im Studium erworbenen Sprachkenntnisse kommen zum Zuge. Alle weiteren Fähigkeiten ließen sich parallel zum Berufseinstieg in der Stiftung Asienhaus erlernen.

Wie sehr diese Art von Stiftungsarbeit die Zuhörer*innen interessierte, zeigte der rege Austausch am Ende der Veranstaltung. Die Fragen reichten von berufspraktischen Dingen bis zu Fragen der Diplomatie in der Zusammenarbeit mit China. Wir danken Christian Straube für die Einblicke in seinen Werdegang und seine Arbeit! Wer mehr über den Referenten erfahren möchte, kann seine Webseite besuchen unter. www.christianstrau.be

EINGESPERRT – Stimmen aus dem Kopfgefängnis

Am 24.10.2020 waren in der Lutherkirche Heidelberg drei neue Kompositionen zeitgenössischer Musik in ihrer Uraufführung zu hören, die sich mit ein und demselben Thema auseinandersetzen: dem titelgebenden Eingesperrt-Sein. Unter dem übergreifenden Projekttitel „Eingesperrt: Stimmen aus dem Kopfgefängnis“ nähern sich Clemens Gadenstätter (Österreich), Yu-Hui Cheng (Taiwan/USA) und SHEN Ye (Shanghai) Fragen des Ausgrenzens und Eingrenzens jedoch auf ganz unterschiedliche Weise. So nahm sich Clemens Gadenstätter (geb. 1966) in seinem Werk „die zelle“ (2020) der Biographie Julius Klingebiels (1904-1965) an, der die Wände seiner Isolier-Zelle in einer psychiatrischen Klinik in Göttingen bemalte und so seine Innenwelten nach außen kehrte. Yu-Hui Chen (geb. 1970) wiederum thematisiert in „Saving Faces“ (2020) die Tatsache, dass künstliche Gesichtserkennung weltweit zum Einsatz kommt, sowie die Gefahren und Freiheitsbeschränkungen, die diese mit sich bringt. So wurden die Sänger*innen des ensemble aisthetis eindrucksvoll mit Masken voller leuchtender Bildpunkte ausgestattet, die in eindringlichen Wiederholungen der Forderung „Not your data!“ (nicht eure Daten) die Degradierung des menschlichen Gesichts zur Fassade, zur Datenplattform beklagt und schließlich, am Ende, an die Notwendigkeit des Schutzes unserer „real human faces“ erinnert, die die Sänger*innen nacheinander offenbaren, als die Lichtpunkte ihrer Masken schließlich erlöschen. „Babel“, der erste Satz des Werkes „空间/距离 Raum/Distanz“ (2020) des im Jahr 1977 geborenen Komponisten Shen Ye 沈葉, befasst sich mit dem namensgebenden biblischen Turmbau zu Babel und die damit einhergehende Sprachzerstreuung, die zu Unverständnis, zu Aus- und Eingrenzungen führte, sinnbildlich dargestellt durch musikalische Interaktionen innerhalb des Klangraumes, aus dem am Ende des ersten Aktes ein Sprachengewirr mit echo-haften Wiederholungen der Frage „Was?/Shenme什么?“ erschallt.

Durch die gekonnte Zusammenführung dieser drei unterschiedlichen Werke, eröffnete das Konzert den Zuhörer*innen „drei Perspektiven auf das Eingesperrtsein, aus drei unterschiedlichen Kulturkreisen, mit drei grundverschiedenen politischen Systemen, in drei unterschiedlichen Sprachen in drei Kompositionen, die alle auf ihre Weise darüber reflektieren, wie der Wille zur Ordnung und zur Macht Un-Freiheit produziert, aber auch Widerstand (und die Hoffnung, sich aus dieser Un-Freiheit eben dennoch zu befreien,“ so die Sinologin Barbara Mittler in ihrem Vorwort des für die Veranstaltung konzipierten Programmheftes. Das Publikum des ausverkauften Premierenabends, unter derzeitigen Corona-Bedingungen mit entsprechendem Abstand platziert und mit Mund-Nasen-Bedeckung ausgestattet, spendete den Aufführenden – dem ensemble aisthetis und der Schola Heidelberg unter der Leitung Walter Nußbaums – lang anhaltenden Beifall. Das Konzert in der Lutherkirche bildete den Auftakt der Konzertreise, die das Ensemble noch an weitere Stationen in Karlsruhe, Göttingen, Hannover und Oldenburg führte.

Pressestimmen zu „EINGESPERRT: Stimmen aus dem Kopfgefängnis“:

„Ein bewegender, von SCHOLA HEIDELBERG und ensemble aisthetis brilliant ausformulierter Abend.“ (Mannheimer Morgen, 26.10.2020)

„Die sehr leisen, einsamen Momente gingen genauso unter die Haut, wie die mit den Instrumenten dicht verwobenen Ausbrüche. Ein Werk höchster Konzentration, das ein höchstkonzentriertes Ensemble zur Umsetzung und die musikalische Disziplin eines Musikers fand.“ (Nordwest Zeitung Oldenburg, 04.11.2020)

„Die transparenten Strukturen und die fein durchdachten Konzepte dieser Stücke hinterließen einen nachhaltigen Eindruck.“ (Göttinger Tageblatt, 28.10.2020)

„Eine in diesen Zeiten auch logistische Herausforderung für alle beteiligten, die hier unter der souveränen musikalischen Leitung von Walter Nußbaum agierten.“ (RNZ, 26.10.2020)

Foto Credit @KlangForum Heidelberg

Chinesische Medizin: Eine Einführung (Teil I)

In ihrem Vortrag “Einführung in die chinesische Medizin” am 22.10.2020, der in unserer bewährten Vortragsreihe “Chinesische Medizin” in Kooperation mit der Akademie für Ältere stattgefunden hat, stellte Referentin Dr. Dr. Andrea- Mercedes Riegel den interessierten Hörern die wesentlichen Charakteristika der chinesische Medizin vor. Dabei ist es grundlegend zu verstehen, dass es sich bei der chinesischen Medizin um ein holistisches System handelt, welches Mensch und Kosmos als Einheit sieht, den Menschen wieder als Einheit in sich. Dieses Menschenbild  hat Auswirkungen auf das Erkennen und Definieren pathologischer Zustände. Der Therapeut kommt in seiner Diagnose nicht zu einer klar definierten Krankheit, sondern stets zu einem Disharmoniemuster, welches jeweils individuell behandelt wird. Dieses Denkmuster der individuellen Behandlung sollte ebenfalls verstanden sein. In einem Erstgespräch ist es für den Patienten unerlässlich, Zeit mitzubringen, da der Behandelnde zahlreiche Fragen zu seinem Befinden stellen wird. Diese Fragen mögen ihm möglicherweise zunächst sogar etwas befremdlich vorkommen. Andrea-Mercedes Riegel stellte einführend Fragen der Anamnese vor sowie verschiedene diagnostische Möglichkeiten. Wegen der Pandemie war dies der zunächst letzte mögliche Termin vor Ort. Die folgenden Termine fanden und finden bis auf Weiteres  online statt.

 

Moderation: Heidi Marweg

Hier finden Sie die Powerpoint-Präsentation zum Vortrag: 2020_Grundlagen_CM_Einführung_Teil I

 

 

Buchmesse digital: Lesetipps – Literatur aus China für die Welt

Herbstzeit ist Buchmessen-Zeit, und so hat das Konfuzius-Institut an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt wie in jedem Buchmessen-Herbst ein umfangreiches digitales Literaturprogramm zusammengestellt, an dem sich in diesem Jahr auch das Konfuzius-Institut Heidelberg beteiligen durfte. Am 16.10. präsentierte die Direktorin des Heidelberger Konfuzius-Instituts, Dr. Petra Thiel, gemeinsam mit Prof. Shuangzhi Li (Fudan University / Universität Hamburg), Prof. Richard Trappl (Wien), der Verlegerin Dr. Nora Frisch (Drachenhaus Verlag, Esslingen) und Heiko Lübben (Mannheim) Lieblingsbücher aus und über China. In zehnminütigen Kurzvorträgen wurden gleich zwei Romane des chinesischen Gegenwartsautors Cao Wenxuan vorgestellt („Das Schilfhaus“; „Libellenaugen“), sowie „Die Tränenfrau“ von Su Tong, Stephan Thomes „Der Gott der Barbaren“ und der Lyrikband „Nachrichten aus der Hauptstadt der Sonne“ (Hg. Wolfgang Kubin). Die Moderation übernahm die Direktorin des Konfuzius-Instituts in Frankfurt, Christina Werum-Wang.

Wir danken den Kolleginnen und Kollegen aus Frankfurt für diese schöne Idee und den regen Literaturaustausch! Für diejenigen, die die Veranstaltung verpasst haben: diese kann auf dem YouTube-Kanal des Konfuzius-Instituts Frankfurt nachgesehen werden unter https://www.youtube.com/watch?v=fnjC_hjgHu4&feature=youtu.be