Chinesische Medizin und Kopfschmerzen (Migräne)

Am 20. Mai 2021 ging es im Vortrag von Andrea Mercedes Riegel in der Reihe „Chinesische Medizin“, die in Kooperation mit der Akademie für Ältere stattfand über das Thema „Chinesische Medizin und Kopfschmerzen“.

Von Migräne sind rund 10% der Bevölkerung betroffen- Tendenz steigend. Migräne ist eng mit der modernen Lebensweise und veränderten Umweltbedingungen verbunden wie Stress, Fehlernährung, Schichtarbeit (gestörter Biorhythmus), Schlafmangel oder empfindliche Reaktionen auf Wetterkapriolen sowie Umweltgifte. Hinzu kommt die genetische Disposition. Der Migräneanfall kündigt sich häufig mit Symptomen wie Müdigkeit, Geräuschempfindlichkeit, Magen-Darm-Störungen oder Heißhunger auf bestimmte Lebensmittel an. Nur in 15-20% der Fälle folgt eine Auraphase z. B. mit Blickfeldveränderungen oder wanderndem Kribbeln durch verschiedene Finger. Die eigentliche Kopfschmerzphase zeigt sich in meist halbseitigen Kopfschmerzen in den Bereichen Stirn, Schläfe und Auge, meist mit pulsierend pochendem oder stark zusammenziehendem Schmerz. Typische Begleitsymptome sind Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit.

In der Schulmedizin geht man von der Freisetzung entzündungsvermittelnder Botenstoffe, der Hypererregbarkeit von Hirnrinde und Okzipitallappen oder auch der Erweiterung kranialer Blutgefäße beim Migräneanfall aus. Behandelt wird meist mit Triptanen.

Bereits in den 1990er Jahren wurde alternativ zu rein schmerzlindernden Medikamenten Akupunktur eingesetzt. Studien zeigten, dass durch die Anwendung von Akupunktur bei Migräne statistisch gesehen die Anfallshäufigkeit und Heftigkeit deutlich reduziert werden können. In China liegt das Hauptgewicht generell meist auf der Kräutertherapie, insbesondere bei chronischen und inneren Störungen. Daher kommt es häufig zu einer Kombination aus Akupunktur und Kräutertherapie. Migräne (pian toutong 偏头痛) ist wie jede Art von Schmerz zunächst generell mit Disharmonien verknüpft: Disharmonien im Fluss von Qi und Blut, Disharmonien im Zusammenspiel der inneren Organe oder im Qi-Fluss in den Leitbahnen.

Grundtypen der Migräne

Die Grundtypen der Migräne lassen sich in Fülle- und Leeretypen unterscheiden: Leere: Qi- und Blutleere; Nierenleere Milz-Qi-Leere mit Schleimstagnation

Fülle: Qi- und Blutstase; Leber-Qi-Stagnation (→ evtl. mit Schleimbildung); Hochschlagendes Leber-Yang

Für die Behandlung wichtig ist zum einen die Feststellung des Typus, weiter die Feststellung des Manifestationsortes der Migräne sowie die Kenntnis eventueller pathogener Faktoren (s.o.)

Manifestationsorte für die Migräne sind vornehmlich die Leitbahnen: Shaoyang , Taiyang (Blase und Dünndarm), Yangming (Magen-Dickdarm).

Der Therapeut (Therapeutin) unterscheidet zwischen verschiedenen Schmerzqualitäten wie z. B. dumpfer, drückender Schmerz, stechender, die Seiten wechsender Schmerz und mithilfe der genauen Schmerzlokalisation kommt er/ sie zur Einordnung der jeweiligen Migräne aufgrund der die entsprechende Therapieform angewendet wird. Es gibt ein ganzes Bündel an Kräutern, das zum Einsatz kommen kann, je nach Migräneart, wie Paeoniae albae Radix, Moudan cortex, Salviae miltiorrhizae Radix, Achyranthis bidentatae Radix, Lycii Fructus, Ziziphi spinosae Semen, Concha ostrae, Chrysanthemi Flos um nur einige zu nennen.

Beispielsweise weisen ein starker dumpfer Druck im gesamten Kopf oder auf einer Seite, Schweregefühl des Kopfes und das Gefühl, in einem Schraubstock gefangen zu sein mit Begleitsymptomen wie Völle, Übelkeit, Erbrechen, Schwindelgefühl, innere Unruhe auf eine Ursache der Milz-Qi-Leere hin: Fehlernährung, Übergriff von Holz (Leber/Galle) auf die Milz oder Kälte in der Niere und dadurch verminderte Milz-Funktion. Hier kann die Phytotherapie besonders gut regulierend eingreifen.

Als Unterstützung für alle Typen haben sich Dauernadeln oder Akupunkturimplantate bewährt. Unterstützend empfiehlt sich der Verzicht auf „Schleimbildner“ (z.B. Milch, Bananen, Weizenmehl, Briekäse, Wurst) und thermisch kalte Lebensmittel.

Fazit

Es hat sich in der klinischen Praxis bereits mehrfach gezeigt, dass eine kombinierte Behandlung der Migräne über Akupunktur und Kräutertherapie mit dem Hauptgewicht auf die Kräuter eine gute Option ist und durchaus ein Mittel, die Migräne tatsächlich nicht nur zu lindern, sondern auch auszuheilen.

Andrea Mercedes Riegel schloss an ein Sprachenstudium ein Studium der Sinologie, Germanistik und Medizingeschichte an. Sie spezialisierte sich auf klassische chinesische Medizin, studierte 1989-1991 chinesische Medizin an einer privaten Fachschule in Taiwan. Auf die Promotion 1999 in Sinologie folgte 2010 die zweite in theoretischer Medizin. Sie arbeitet seit 1999 in eigener Praxis, Fachpublikationen, Übersetzungen klassischer medizinischer Texte aus dem Chinesischen in europäische Sprachen sowie Lehrtätigkeit sind weitere Betätigungsfelder.

(Angaben basieren auf dem Vortrag sowie dem Vortragsmanuskript von Andrea-Mercedes Riegel)

Hier finden Sie die Präsentationsfolien des Vortrags: 20210520_CM und Kopfschmerzen

 

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