Vortrag: Li Shuangzhi: Die neuen Eliten?

Li Shuangzhi, Nanjing-Universität: Die neue Elite? – Erfahrungen an “Elite-Universitäten” in China und Deutschland

Termin:  Mittwoch, 18. Januar 2012
Uhrzeit: 18.00 – 19.00 Uhr
Ort: Institut für Sinologie, Raum 201
Akademiestr. 4-8, 69117 Heidelberg
Eintritt: frei

Was Konfuzius vor mehr als zweitausend Jahren zu seinem Bildungsideal äußerte: “Bildung für alle, ungeachtet ihres sozialen Status” (有教无类), scheint heute sowohl in seinem Heimatland wie auch in einem traditionellen europäischen Bildungsland wie Deutschland utopisch zu sein. Hochschulreformen, Exzellenzinitiative und Förderprogramme verändern in Deutschland und China tiefgreifend die Landschaft von Lehre und Forschung, wobei sich Status-Unterschiede auch unter Hochschulen klarer denn je abzeichnen.

Einen ganz persönlichen Vortrag zu diesen Themen hielt Li Shuangzhi am 18. Januar auf Einladung des Konfuzius-Instituts im Institut für Sinologie in Heidelberg. Unter dem Titel “Einblick in die Erwählten” beschrieb er seinen akademischen Werdegang vom Schüler zum Dozenten und seine Erfahrungen an sogenannten Elite-Universitäten in Deutschland und China. Stolz und Freude, aber auch Selbstzweifel und Frustration prägten nicht nur sein Studentenleben an der Peking-Universität, einer der renommiertesten Universitäten in ganz China. Schon von klein war es sein großer Traum an einer der Top-Universitäten des Landes zu studieren. Für dieses Ziel nahm Li Shuangzhi viel in Kauf und lernte, wie so viele Schüler in China, vier Jahre hart für die landesweite Hochschulaufnahmeprüfung. Mit Erfolg. Es gelang ihm einen Studienplatz an der Peking-Universtität zu bekommen und für ihn wurde der Traum vieler chinesischer Schüler Wirklichkeit: Als Student durch das Drachentor der Peking-Universität zu treten. Aber auch von den Schattenseiten des Elite-Systems konnte Herr Li ein lebhaftes Bild zeichnen. Dem Ranking der besten Hochschulen steht das Ranking der Selbstmordraten von Studenten gegenüber, die am ernormen Leistungsdruck, der eigenen Anspruchshaltung oder den Erwartungen des Umfeldes zerbrechen. Auch die Chancengleichheit lässt zu wünschen übrig, Schüler in den großen Städten und Abgänger von Elite-Schulen und -Kindergärten haben nach wie vor deutlich bessere Chancen auf ein Studium an den besten Universitäten des Landes. Ist diese Hürde dann genommen, sehen sich die Elite-Studenten vor neue Probleme gestellt. Die Besten studieren unter den Besten und müssen versuchen sich hier zu beweisen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Studenten in China ihre Studienwahl nicht nach Fach oder Interesse sondern nach Rang der Elite-Universität auswählen. Und so kann es dazu kommen, dass ein talentierter Chemiker, als einer der schlechtesten Studenten, frustriert im Fremdsprachenunterricht, aber an einer Elite-Universität sitzt. Doch auch wenn die Arbeitsplatzgarantie für Absolventen solcher Universitäten Geschichte ist und einige Arbeitnehmer sogar damit werben, keine Elite-Absolventen zu wollen, so profitieren diese Studenten doch von der finanziellen Ausstattung, den Verbindungen der Universität ins Ausland und nicht zuletzt immer noch vom Klang des Namens, der bekannte Wissenschaftler, die besten Dozenten und Referenten von internationalem Ansehen an die Elite-Zentren lockt. Diese Parallelen sieht Herr Li durchaus auch in Deutschland, obwohl er  über die Ausstattung der Universitäten in Deutschland, insbesondere in den Geisteswissenschaften ein wenig erschrocken war, als sich ihm während seines Studiums an der Peking-Universität die Möglichkeit, bot ein Jahr in Berlin zu studieren. Auch über die zu diesem Zeitpunkt gerade stattfindenden Demonstrationen gegen Studiengebühren konnte Herr Li nur staunen, denn in China sind Schulgeld und Studiengebühren die Regel. Allerdings existiert in China auch ein Stipendien-System, das auch von ausländischen Unternehmen, beispielsweise Volkswagen unterstützt wird. In Deutschland sei die Hochschullandschaft, seinen Beobachtungen nach, homogener, so Herr Li. Die Exzellenz-Initiativen sollen  auch hier Universitäten hervorbringen, die mit den Spitzenuniversitäten in den USA und Großbritannien mithalten können. Die Hochschulen und Wissenschaftler in Deutschland könnten sehr von solchen Initiativen profitieren. Diese Förderung komme Bachelor-Studenten wohl nicht zugute, antwortete Herr Li auf eine Frage aus dem Publikum. Die Förderung mache sich erst in Master- oder Promotions-Programmen bemerkbar. Allerdings profitieren auch Studierende hier zu Lande von Vorträgen oder Seminaren von ausgezeichneten Wissenschaftlern, die durch Exzellenz-Initiativen möglich gemacht werden. Das Elite-Gefühl in Bezug auf die Hochschule sei bei deutschen Studierenden wohl (noch) nicht so ausgeprägt und die Studienwahl richtet sich häufig nach Interesse oder erhoffter Perspektive. Dafür besitzen gewisse Studienfächer den “Elite-Stempel”. Aber auch in Deutschland, bemerkte Herr Li, nehme Konkurrenzdenken und Paukerei unter den Studierenden zu. Die Entwicklung der Hochschulen, der Wissenschafts- und Eliten-Förderung wird die Diskussionen über die Hochschulpolitik in den kommenden Jahren prägen und auch im Konfuzius-Institut Heidelberg sicher weiter Thema sein. So knüpfte dieser Vortrag an das Thema Erziehung und Bildung in Deutschland und China an zu dem das Konfuzius-Institut Heidelberg gefördert durch die Robert Bosch Stiftung im Dezember 2011 eine Podiumsdiskussion veranstaltetet. Mehr zu dieser Veranstaltung finden Sie hier.

Zum Referenten:

Li Shuangzhi, M.A. ist Dozent für Germanistik an der Nanjing-Universität und promoviert derzeit an der FU Berlin. Er studierte Germanistik zunächst an der Peking-Universität, dann in Berlin an der Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin. Als Autor, Übersetzer und Dolmetscher ist Herr Li unter anderem für das Goethe-Institut Peking, die Neue Zürcher Zeitung, das Deutsch-Chinesische Kulturnetz oder den Rowohlt-Verlag tätig. Zu seinen Forschungsinteressen zählen neben Bildung und Bildungspolitik auch deutsche und chinesische Gegenwartslyrik sowie Literatur im Allgemeinen.

Artikel von Li Shuangzhi im Netz:

Chinesische Lyrik im öffentlichen Raum

Erfolg versus Glück? Eine chinesische Selbstreflexion zur Erziehungsdebatte

Der Yilin-Verlag bringt Grass und Schlink nach China

Der Lyriker als Kosmopolit?

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