Lawless China?

Lawless China? Politik, Medien und Rechtskultur(en) in der chinesischen Zeitgeschichte

Dr. Jennifer Altehenger

 

Termin: Freitag, 23. November 2012
Uhrzeit: 19.00 – 20.00 Uhr
Ort: Konfuzius-Institut Heidelberg
Speyerer Straße 6, 69115 Heidelberg
Eintritt: frei

Eine der Gemeinsamkeiten zwischen Konfuzius und Mao Zedong war ihr Mißtrauen in den Sinn und Zweck von Gesetzen. In Konfuzius’ Denken waren Gesetze zweitrangig, da die Gesellschaft von tugendhaften Herrschern und moralischen Verhaltensregeln geleitet werden sollte. Für Mao waren Gesetze sogar noch unwichtiger in einem Land, das durch eine revolutionäre Partei und kommunistische Moral gelenkt werden sollte. Die Art und Weise, wie Konfuzius und Mao über Recht und Gesetz dachten, hat seither die Sicht auf die Rolle des Rechts innerhalb der chinesischen Geschichte von Chinesen selbst sowie ausländischen Beobachtern geprägt. Rechtsgeschichte und Rechtskulturen haben daher bisher nur eine eher geringe Rolle in der Geschichtsschreibung zu China im 20. Jahrhundert gespielt. Scheinbar gab es nicht sehr viel Anlass sich mit chinesischer Rechtsgeschichte zu befassen und darüber zu schreiben. Normative Texte über ideale Gesellschaften wie jene von Konfuzius und Mao und die Sozial- und Kulturgeschichte des Rechts im Alltag der Menschen haben im Allgemeinen jedoch nicht viel miteinander gemein. Wenn man den Blick statt auf kodifizierte Rechtstexte auf Gerichtsakten, Berichte in der Boulevard- und Tagespresse, Memoiren, mündliche Überlieferungen, Theaterstücke, Opern oder sogar Cartoons richtet, entsteht ein gänzlich anderes Bild. Diese Quellen zeigen die vielfältige Rolle, die Recht im China des 20. Jahrhundert spielte. In ihrem Vortrag diskutiert Jennifer  Altehenger die Rolle verschiedenster Medien in der Vermittlung von Rechtswissen an die Bevölkerung sowie berühmte Gerichtsverfahren im China der Republikzeit und in der VR China. Im von politischen Kämpfen, sozialen Unruhen und Krieg erschütterten China des 20. Jahrhunderts war Recht keineswegs von untergeordneter Bedeutung oder nur ein politisches Projekt. Die zeitgeschichtliche Untersuchung chinesischer Rechtsgeschichte kann somit sehr viel dazu betragen, die sich wandelnden Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft unter verschiedenen politischen Systemen sowie den Einfluss von Populärkultur und Medienkonsum auf alltägliche Rechtkulturen besser zu verstehen.
Jennifer Altehenger ist Lecturer für chinesische Zeitgeschichte am King’s College London. Sie hat in Cambridge und Qingdao Sinologie studiert und 2010 in Heidelberg zu Rechtserziehungskampagnen in der frühen VR China promoviert. Zwischen 2010 und 2012 forschte und lehrte sie an der Universität Oxford sowie am Fairbank Center for Chinese Studies der Universität Harvard. Neben ihrer Forschung zur Sozial- und Kulturgeschichte des Rechts im kommunistischen China arbeitet sie unter anderem an Projekten zur Rechtsgeschichte im China des 20. Jahrhunderts sowie zur politischen Satire und Publizistik im China der fünfziger  Jahre.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.